Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Bauer, Johannes B.: Zur Symbolik von Mohnblume und Mohnkapsel auf Grabsteinen

  
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Zur Symbolik von Mohnblume und Mohnkapsel auf Grabsteinen
Seite
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVII/ 106, Wien 2003, 431-450

Mitteilungen

Zur Symbolik von Mohnblume und Mohnkapsel auf

Grabsteinen

Johannes B. Bauer

Auf unseren Friedhöfen sehen wir nicht selten Grabsteine, die als symboli-schen(?) Schmuck kleine Sträuße von Mohnblumen und Mohnkapseln odereinzelne Blüten und Kapseln zeigen. Damit stellt sich die Frage nach einervielleicht christlichen Symbolik dieser Darstellungen. Dagegen heißt es ineinem Wörterbuch der Sinnbilder der christlichen Kunst: ,, Als christlicheTodessinnbilder sind nicht anzuerkennen: der antike Genius mit der umge-kehrten Fackel; Genien Seifenblasen herstellend; Urnen; Aschenkräge;Schmetterlinge; Mohn." Und doch könnte man daran denken, dass Chris-ten, die solche Mohndarstellungen auf den Grabmälern für ihre Liebenhaben, sich an die Worte Jesu erinnern, die er angesichts des Leichenzugsfür die Tochter eines Synagogenvorstehers gesprochen hat: Das Mädchenist ja nicht tot, es schläft nur."( Mt. 9,24) ² Ähnlich äußerte er sich am Grabdes Lazarus: ,, Lazarus, unser Freund, schläft, aber ich gehe hin, um ihnaufzuwecken."( Joh. 11,11).

1 Doering, O.: Christliche Symbole. Freiburg 1932, S. 91. Es wundert deshalb auchnicht, dass das Stichwort ,, Mohn" in LCI( Lexikon der christlichen Ikonographie)und in DACL( Dictionnaire d'Archéologie chrétienne et de Liturgie) fehlt. Desglei-chen bei Beigleder, Oliver: Lexique des Symboles. Paris 1969; Timmers, J. J. M.:Symboliek en Iconographie der christelijke kunst. Roemond 1947. Sachs, H. et al.:Christliche Ikonographie in Stichworten. München 1975, S. 67, weiß nicht mehr als,, Der Mohn bedeutet Schlaf und Tod". Irgend eine christliche Symbolik erwähnenweder das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 6. Berlin 1935, Nach-druck 1987, S. 450-452, noch das Wörterbuch der deutschen Volkskunde. 3. Aufl.,Stuttgart 1974, S. 567 f. Pöschl, V.: Bibliographie zur Antiken Bildersprache. Hei-delberg 1964, nennt keine Literatur zu papaver oder mekon.2,, Schlafen dient zwar zur euphemistischen Bezeichnung des Todes( 1 Thess.5,10), aber Christliches liegt in dieser Redeweise nicht. Mt. 9,24 Par ist amehesten dahin zu verstehen, dass die Seele des Mägdleins zwar den Körperverlassen hat, sich aber noch in der Nähe desselben aufhält und deshalb durchein Machtwort Jesu in der Kraft Gottes zurückgerufen werden soll. Dass der Todin Allgemeinen nur ein Schlaf sei, will das Wort nicht sagen."( Oepke, A.:Theologisches Wörterbuch, Bd. 3. Stuttgart[ 1938], S. 439 f.)