2003, Heft 3
Literatur der Volkskunde
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erfahrung in den„ Überlegungen zum Erinnerungswert der Dinge“ unterdem Titel ,, Die Anwesenheit des Abwesenden“( Sonja Braun). Im Kontrastzu den öffentlichen Zeichen arbeitet Braun die durch das Handgemachte undKörpernahe gegebene ,, Dingbeseelung" heraus: ,, Dinge überwinden Distan-zen räumlicher und zeitlicher Art.“( S. 136) Angesichts des diskutiertenGegenstands geht es dabei unübersehbar wohl auch um, Distanzen' kultu-reller Art, oder anders gesagt, um die Überwindung von Fremdheitserfah-rungen im Krieg bis hin zur Inkongruenz der Person. Einiges von derGrammatik der Übertragung der Erinnerung( als einer Strategie der Men-schen die Kommunikation über Leben und Tod zu ritualisieren) klärt sich indem Beitrag von Fabio Gygi„ Der Geist aus der Granate. Explosive Erinne-rungen an den Ersten Weltkrieg“, wobei neben den individuell psychologi-schen Motiven auch die öffentlich politischen Aspekte( des Kults um dieun-/ toten Helden) benannt werden. An einer Analyse, in der die popularre-ligiösen Facetten der politischen Kultur zwischen den Kriegen mit den( meist sehr privat dimensionierten) aufgeladenen Relikten aus dem Kriegdeutlicher verbunden wird, wäre aber noch weiter zu arbeiten. Was denallgemein theoretischen Hintergrund anlangt, wird man sich dafür von denvolkskundlich- kulturwissenschaftlichen Forschungen des SFB„ Kriegser-fahrungen" einiges erwarten können.
Der Band wird abgerundet durch eine ausführlich Objektdokumentation,die nicht nur einen Einblick in die Vielschichtigkeit des Phänomens TrenchArt bietet, sondern die in öffentlichen und privaten Sammlungen recher-chierten Objekte auch einzeln kommentiert und damit in den Interpretati-onsrahmen des Projektes rückt. Dass Trench Art befragt gehört( wie jedeForm materieller Kultur), um zu ihrem Sinn zu kommen, ist klar; dass dieAntworten präziser und fundierter ausfallen, je dichter und eindringlichergefragt wird, stellt der Tübinger Projektband eindrucksvoll unter Beweis.Und in diese Richtung- als Ermunterung für neue Fragen- ist auch einInterview mit Freddy Raphaël, dem mit Tübingen mannigfach verbundenenStraßburger Soziologen und Ethnologen, zu verstehen:„, Ces objets n'ontune signification que parce qu'on les interroge."
Bernhard Tschofen
HOTTENROTH, Johanna und Hans- Hagen: Die Radstädter Keramik.Scheibbs, Eigenverlag, 2002, 216 Seiten, Abb.
Das Interesse an Keramik ist zurzeit groß. Neben zahlreichen Publikationenbelegt dies auch ein Blick auf das Wiener Ausstellungsgeschehen im Früh-jahr 2003. Zwei Eröffnungen von Keramikausstellungen fanden an promi-