2003, Heft 3
Literatur der Volkskunde
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senschaft, durch. Das zeigt sich auch in der Sprache: ,, Struggle for Identity"ist der Titel des Beitrags von Borut Brumen, in dem die Entwicklungs-tendenzen in der gegenwärtigen slowenischen Ethnologie und Kulturanthro-pologie thematisiert werden. Der Prozess der methodischen und theoreti-schen Neuorientierung und der Institutionalisierung der Kulturanthropolo-gie wird als Sieg in einem harten Konkurrenzkampf dargeboten, wofür diebenutzten Verben kennzeichnend sind: ,, to gain institutional space" ,,, turbu-lent reactions“, ein Eskalieren der Polemiken in einem„, clash“, der immer-hin zu qualitativen Veränderungen, zur Einführung neuer Themen in derEthnologie geführt habe.
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Der Band erweitert die methodischen und theoretischen Fragen auchdurch die Vielfalt der Darstellungsweisen. Mit feinem Humor etwa beginntChristopher Hann seinen Text, wobei er auch seine Gefühle bei der Begeg-nung mit den„, Anderen“( kommunistisches Osteuropa und ,, the tribe derEthnowissenschaften in Deutschland") darzustellen und mehr die„ Ich"-Form in die wissenschaftliche Rhetorik einzubeziehen versucht. In der Formeines Essays stellt Violeta Zentai die Möglichkeiten einer kleinen Disziplinwie der Anthropologie in Ungarn zur Debatte:„ Loss or Overproduction ofCulture?" das sind die zwei konträren Grundthesen der Sozial- und Kul-turwissenschaften in/ über Ungarn( und insgesamt über die Reformstaaten,die als Herausforderung für die Anthropologie gesehen werden). Das Poten-tial der Anthropologie wird im kritischen Hinterfragen derartiger Konzep-tionen gesehen. Durch die Beleuchtung im Konkreten könnte der Instru-mentalisierung von Kultur durch Politik und Markt entgegengewirkt werden.Nach den vielen weiterführenden Problemstellungen um Theorie( n),Methode( n), Darstellungsform( en) der Europäischen Ethnologien gibt dieim abschließenden Beitrag Reinhard Johlers provokant gestellte Frage,,, Wieviel Europa braucht die Europäische Ethnologie?", den Anstoß fürweitere Debatten und Publikationen.
Anelia Kassabova- Dintcheva
BESENFELDER, Sabine:„ Staatsnotwendige Wissenschaft“. Die Tübin-ger Volkskunde in den 1930er und 1940er Jahren(= Untersuchungen desLudwig- Uhland- Instituts der Universität Tübingen, Bd. 94). Tübingen, Tü-binger Vereinigung für Volkskunde, 2002, 598 Seiten, s/ w- Abb.
Tübingen hat seinen festen Platz in der Fachgeschichtsschreibung derdeutschsprachigen Volkskunde und ihrer Denominationen- vor allem wennes um jenen ,, Aufbruch“ der sechziger und siebziger Jahre geht, bei dem das