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Literatur der Volkskunde
ÖZV LVII/ 106
eigentümlichen Ambivalenz von instrumentell versachlichter Naturbezie-hung einerseits und symbolisch in Ästhetik und Emotion verzauberter Naturandererseits erweist sich dabei als Einzelfall. Diesem steht der Reichtumvon Naturzugängen gegenüber, die ganz unterschiedlich in ökonomische,religiöse, politische und soziale Zusammenhänge eingebunden sind. Aus derLektüre dieses Bandes resultiert denn eine Frage, die leider nicht andisku-tiert wird, die aber explizit auch einmal aufgerufen werden sollte, wenn sichEthno- Wissenschaften der Natur annehmen: Warum scheinen sich im glo-balen Maßstab westliche Naturvorstellungen und-aneignungsformen mitihrer Doppelgesichtigkeit der Anbetung und Ausbeutung durchzusetzen?Oder: Stimmt dieser Befund überhaupt im Sinne eines Bemächtigungs-prozesses und der Zerstörung autochthoner Kulturen? Wenn nicht: Waspassiert denn eigentlich, wenn unterschiedliche Beziehungsmuster aufein-ander treffen, und entstehen dabei womöglich neue Sinn- und Bedeutungs-schichten, wenn ,, Natur“ gesagt wird?
Friedemann Schmoll
KÖSTLIN, Konrad, Peter NIEDERMÜLLER, Herbert NIKITSCH( Hg.): Die Wende als Wende? Orientierungen Europäischer Ethnologiennach 1989(= Veröffentlichungen des Institutes für Europäische Ethnologieder Universität Wien, Bd. 23), Wien 2002, Verlag des Instituts für Europäi-sche Ethnologie, 166 Seiten.
Unter dem wortspielerischen Titel„ Die Wende als Wende?" stellt der Bandvielschichtige und tiefgreifende wissenschaftliche Fragen und Problemstel-lungen zur Diskussion. Der Untertitel präzisiert und ordnet den Band in dieWissenschaftslandschaft ein- es geht um die Rolle der Europäischen Ethno-logien in Wissenschaft und Gesellschaft:„ Orientierungen EuropäischerEthnologien nach 1989“. Das Fragezeichen im Titel sowie der Plural imUntertitel betonen die Akzentuierung auf Offenheit und Pluralismus, auf dasproduktive Zusammenführen von verschiedenen, auch konträren Perspekti-
ven.
Der Rahmen des Bandes wird durch den einführenden Beitrag vonKonrad Köstlin, Wenden und Skalen“ und den abschließenden Aufsatzvon Reinhard Johler ,, Wie viel Europa braucht die Europäische Ethnolo-gie?" vorgegeben: Es geht um die vielfältigen Zusammenhänge zwischenGesellschaft und Wissenschaft, um die verschiedenen Strategien in denEthnologien, um den Umgang mit dem Eigenen und dem Fremden und umdie Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Reflexion, die auch den wissen-