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Literatur der Volkskunde
ÖZV LVII/ 106
skizziert die Bedeutung des Harmoniums als eines ,, bürgerlichen Ausstat-tungsstück[ es] der Missionsehe“( S. 192). Köhle- Hezinger, vor allem aberGudrun König am Beispiel der Warenwelt und des Konsums um 1900thematisieren die Strategien und Mechanismen einer„, Moralisierung“( Kö-nig) über und durch die Dinge, auf die vielfältigen Versuche einer umfas-senden Geschmackserziehung und Volksbildung. In der Geschichte des, guten Geschmacks' geht Wolfgang Brückner noch einen Schritt weiterzurück, er konzentriert sich in seinen Gedanken zur„, Modellierung vonSinnlichkeit und Sinneserfahrungen“( S. 504) insbesondere auf die Argu-mentationsweisen von Popularphilosophen des späten 18. Jahrhunderts.
Nicht nur in Anbetracht der thematischen Ausrichtung der zuletzt genann-ten Texte an der Frage der Ästhetisierung der Lebenswelten ist der TitelVolkskundliche Tableaus“- gut gewählt. Die Beiträge behandeln nicht nurTableaus, mit Hilfe derer wir unsere Alltage ausstaffieren, vielfach sind sieals Tableaus organisiert, als wirkungsvoll gruppierte Bilder von Alltagen( eingeschlossen denen der Wissenschaftskultur), die aber offen sind fürVeränderungen und für die Ergänzung oder auch Korrektur der vorgelegtenInterpretationen. Gerade darum würde ich den hier versammelten Aufsätzeneine diskutierfreudige Leserschaft wünschen, die Zeit und Muße hat- einbisschen viel verlangt, ich weiß.
Klara Löffler
GINGRICH, André, Elke MADER( Hg.): Metamorphosen der Natur.Sozialanthropologische Untersuchungen zum Verhältnis von Weltbild undnatürlicher Umwelt. Wien/ Köln/ Weimar, Böhlau Verlag, 2002, 340 Seiten.Vor ein paar Jahren, 1999, hatte die Deutsche Gesellschaft für Volkskundedie ,, Natur“ auf das Programm ihres 32. Kongresses in Halle gesetzt. Es istdies ein basales Thema für jedes kulturanthropologische Fach, das sich imvolkskundlichen Zugriff freilich allzu oft zu Binsenweisheiten verflüch-tigte, weil es fast nur stupide mit immer denselben Mode- Begrifflichkeitenwie ,, Konstruktion“,„ Konzept“ oder„ Strategie“ erschlossen wurde. Soerlag die Volkskunde, zumindest in Halle, in ihrer Beschäftigung der Viel-deutigkeit des Sujets; Systematisierungsversuche gelangen kaum. Jetzt leg-ten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus dem Umfeld des WienerInstitutes für Ethnologie, Sozial- und Kulturanthropologie eine Anthologiemit Arbeiten zum„, Verhältnis von Weltbild und natürlicher Umwelt"( soeine Passage des Untertitels) vor. Selbstverständlich: Der Horizont derKollegen aus der Nachbardisziplin ist zumindest einmal geographisch um