Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVII/ 106, Wien 2003, 369–399
Literatur der Volkskunde
BECKER, Siegfried, Andreas C. BIMMER, Karl BRAUN u.a.( Hg.):Volkskundliche Tableaus. Eine Festschrift für Martin Scharfe zum 65. Ge-burtstag von Weggefährten, Freunden und Schülern. Münster/ New York/München/ Berlin, Waxmann Verlag, 2001, 543 Seiten.
Festschriften werden selten gelesen: von vorn bis hinten oder auch nur ingroßen Teilen. Genutzt dagegen werden sie häufig: auf der Suche nachThemen und Autoren, vor dem Hintergrund einer bestimmten Forschungs-frage, im Bemühen um einen Überblick über das( aktuelle) Arbeiten einesFachs. Zu Zeiten erlaubt man sich aber auch die intensive Lektüre, die alleinVorlieben und Zufällen folgt. In meiner Rezension werden sich Perspektivenund Lesehaltungen mischen, die systematische und die lustvolle Versionwissenschaftlichen Lesens, doch interessiert mich vor allem anderen, wiesich unser Vielnamenfach, besehen im spezifischen Ausschnitt des Arbei-tens einer bestimmten Forschergeneration und ihrer Netzwerke, präsentiert.Welche Versionen von Geschichten über Kultur finden sich hier, welcheAufmerksamkeiten, welche Darstellungsformen? Dass eine Rezension nichtder Ort ist, eine regelrechte Analyse zu entwickeln, versteht sich von selbst;zumal meine Überlegungen die Vielzahl und die Vielfalt der Beiträge( 39Beiträge) nur streifen können. Mir scheint die Bearbeitung von Festschriftenfür eine wissenschaftsgeschichtliche und-soziologische Untersuchung be-sonders lohnenswert, spiegeln sich hierin doch besonders klar die Ambigui-täten wissenschaftlichen Arbeitens zwischen Verpflichtungscharakter undMöglichkeitssinn. In diesem Genre, das als Textkompendium einen spezifi-schen kommunikativen Zusammenhang dokumentiert, zeichnen sich nichtnur Rücksichten( im historischen wie im sozialen Sinne) ab. Festschriftenbieten gleichzeitig Freiheiten, wie sie im Alltagsbetrieb der Wissenschafts-kulturen eher die Ausnahme sind, werden doch den Autorinnen und Autorennur selten Themen oder Verfahren vorgegeben. Wenn strenge Geistergernean Festschriften deren Heterogenität kritisieren, dann übersehen sie, dassdas Genre eben auch eine Spielwiese ist- was nicht heißen muss, dass esals solche auch genutzt wird.
Wie beides, Verpflichtungscharakter und Möglichkeitssinn, in solchenSammelbänden, aber auch in den einzelnen Aufsätzen zusammenspielen,dies ist nicht unabhängig von den jeweiligen Jubilaren und deren Wissen-