Jahrgang 
106 (2003) / N.S. 57
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LVII/ 106

Du folklore à l'ethnologie. Institutions, musées, idées en Franceet en Europe de 1936 à 1945

Colloque International, 19.- 21. März 2003,Musée national des Arts et Traditions populaires/ Centred'Ethnologie française( MNATP/ CEF), Paris

Wenn eine Institution zu einem großen internationalen Kongress einlädt,dann zumeist, weil ein Jubiläum begangen oder eine Person gefeiert werdensoll. Anlass des Kongresses ,, Institutions, musées, idées en France et enEurope de 1936 à 1945" des Pariser Musée national des Arts et Traditionspopulaires/ Centre d'Ethnologie française war zweierlei: ein Abschied unddie Aufarbeitung der Fachgeschichte. Da die Institution 2008 nach Marseilleumziehen wird( vgl. ÖZV LVI/ 105, 2002, Heft 3+ 4, S. 436–440, und diejüngst erschienene Museumspublikation Réinventer un musée. Le musée desCivilisations de l'Europe et de la Méditerranée à Marseille, Réunion desMusées Nationaux, Paris 2003), sollte zuvor eine Standortbestimmungerfolgen. Dies geschah, indem man die Entstehung der Institution kritischbeleuchtete und in den Kontext der Zeit stellte, als sich die traditionelleVolkskunde( folklore) in eine moderne Disziplin( ethnologie) zu transfor-mieren begann. Da insbesondere nach Protagonisten und Institutionen wäh-rend der deutschen Besatzungszeit gefragt wurde, erfolgte zugleich dielängst fällige Abrechnung des Faches mit Vichy. Der Kongress machtedeutlich, dass es in der ausgewählten Zeit- politisch gesehen von Frontpopulaire über ,, Vichy bis zur Zeit der ,, Libération nach 1944- insge-samt weniger Brüche, sondern eher Kontinuitäten in Bezug auf Themen,Methoden sowie Perspektiven gab. Wie sehr die interne Auseinandersetzungin Fachkreisen erwünscht war, lässt sich an der großen Resonanz festma-chen. Über 200 Teilnehmer/ innen aus internationalen Museums- undUniversitätskreisen fanden sich im ATP ein.

In der Auftaktveranstaltung rekapitulierte der Generaldirektor desMNATP/ CEF, Michel Colardelle, die Entwicklungen, die zum Umzug derInstitution geführt hatten und strich das Bedürfnis heraus, sich vor dieserumfassenden Veränderung ideologisch neu zu verorten. Christian Bromber-ger( Universität Aix- en- Provence) fragte selbstkritisch, warum sich dieEthnologen für fast alles interessierten, aber nicht für die eigene Ver-gangenheit. Die deutsche Besatzungszeit sei lange gleich einer Krankheitbehandelt worden, über die man nicht spricht. Er erinnerte daran, dass erstmit Erscheinen der Studie ,, Le projet culturel de Vichy von Christian Faure( 1989) und einigen weiteren Arbeiten wie die von Anne- Marie Thiesse überRegionalismus eine, wenn auch sehr kontroverse Auseinandersetzung inner-