Aufsatz in einer Zeitschrift 
Feuerbräuche in Tirol : Bemerkungen zu gegenwärtigen Entwicklungen
Einzelbild herunterladen
 

326

Mitteilungen

ÖZV LVII/ 106

Mitte des 19. Jahrhunderts. Er hätte sich wohl nicht träumen lassen, dassviele der von ihm beschriebenen Bräuche knapp hundert Jahre später eineneue Konjunktur erleben würden.

Mit bildhafter Anschaulichkeit spiegeln die Zeilen Hörmanns die stille undanonyme Bewunderung der im Tal stehenden Zuschauer wider. Denn nochheute sind die in der Dämmerung weithin sichtbaren Feuerbräuche für vieleMenschen eine überaus attraktive Erscheinung. Die lokalen und regionalenZeitungen berichten jedes Mal ausführlich und dabei selten ohne den Hinweisauf vermeintliche uralte, mythische und heidnische Glossar ::: zum Glossareintrag  heidnische Wurzeln. Die einzelnenFeuerbräuche in Tirol finden an verschiedenen Terminen statt. Schon alleindeshalb muss jeder Brauch vorerst für sich betrachtet werden. Allgemeingültige, für alle Bräuche zutreffende Aussagen können nur schwer formuliertwerden, obwohl gemeinsame Tendenzen und Entwicklungen festzustellen sind.Volkskundliche Untersuchungen über Feuerbräuche in Tirol richtetensich in der Vergangenheit vor allem auf die als traditionell geltenden Bräu-che. Neben den Feuern am Funkensonntag³ waren es vor allem die Oster-feuer im Zillertal, die Herz- Jesu- Feuer sowie die Sonnwendfeuer, die imMittelpunkt volkskundlicher Abhandlungen standen. Spätestens seit denachtziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist innerhalb der Feuerbräuche Tirolseine große Dynamik zu beobachten. Neue Bräuche begannen sich zu for-mieren, einige traditionelle Bräuche erstarkten oder wurden wiederbelebt.Die folgende Arbeit richtet ihren Blick auch auf diese neuen Entwicklungen.Sie erfasst heutige Erscheinungsformen und bringt kurze Brauchbeschrei-bungen. Dabei wurde versucht, ausgehend von einer ethnografischen Um-schau, gegenwärtige Tendenzen darzulegen, unterschiedliche Motivationender Brauchträger bzw. Organisatoren herauszuarbeiten, sowie die Fragenach möglichen politischen Inhalten der Feuerbräuche in Tirol zu beantworten.

II.

Das Scheibenschlagen zählt zu den traditionellen Formen von Feuerbräu-chen in Tirol. Im Gegensatz zu den Sonnwendfeuern oder Herz- Jesu- Feuernist der Brauch, trotz einiger andersgearteter Versuche, in den meisten Fällenein eher kleiner und privater Brauch geblieben. Eine touristische Vermark-tung findet nur vereinzelt statt. Das Verbreitungsgebiet in Tirol ist mit demSüdtiroler Vinschgau sowie dem Nordtiroler Oberland abgesteckt. Danebenist der Brauch jedoch auch im osttiroler Iseltal anzutreffen. Im Nordtiroler3 Hierbei sei auf die veröffentlichte Dissertation von Reinhard Johler hingewiesen:Johler, Reinhard: Zur Formierung eines Brauchs. Der Funken- und Holepfannsonn-tag. Studien aus Vorarlberg, Liechtenstein, Tirol, Südtirol und dem Trentino(= Ver-öffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie, Bd. 19). Wien 2000.