Aufsatz in einer Zeitschrift 
Der „Weiler der Königin“ in Versailles : eine Rezeptionsgeschichte
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Nina Gorgus

ÖZV LVII/ 106

aber nicht nur eine Verlängerung, sondern eine eigenständige Kom-position: Architekt Mique war stark vom Theater beeinflusst undhatte das Hameau wie ein begehbares Bühnenbild durchkomponiert.20Von einer Anhöhe aus konnte sich das komplette Bildprogrammentfalten: im Vordergrund die um den See gruppierten Häuser mitihren Gärten, inmitten von Viehweiden und Feldern gelegen. DieHäuser trennt ein Bach, der sich in den See ergießt und über den einegeschwungene Brücke führt. Eingerahmt von alten, hohen Bäumenwird im Hintergrund das Eingangstor des Parks sichtbar. Dieses warzur gleichen Zeit im Stil eines romanischen Triumphbogens gebautworden, um das Bild zu ergänzen. In der Blickachse dahinter liegtwiederum ein Dorf mit Kirchturm, diesmal ein real existierendes. Jenach Standpunkt des Betrachters konnte ein neuer Bildeindruck ent-stehen. Und obwohl mittlerweile einige bauliche Veränderungendurchgeführt wurden und das Bild nicht mehr intakt ist, lassen sichheute noch ,, erfolgreiche und, weniger erfolgreiche Ansichten desHameau feststellen. 21 Diese wohldurchdachte Bildkomposition einesdreidimensionalen Genre- Gemäldes, die darüber hinaus den Vorteilbot, mit Personen, bestückt werden zu können, ist mit der Grund,dass andere Architekten das Hameau zum Vorbild nahmen und soneben all ihren anderen Rollen- Marie- Antoinette als kluge Bauher-rin etablierten.

Das Chef d'œuvre hatte natürlich seinen Preis. Stefan Zweig nimmtin seiner berühmten Biographie über Marie- Antoinette die Metapherder ,, opéra comique" wieder auf und verurteilte die Launen derKönigin als ,, kostspieligste Schäferkomödie aller Zeiten: DiesesHameau(...) war für Marie- Antoinette Theater am lichten Tag, eineleichte, gerade in ihrer Leichtfertigkeit fast aufreizende Comédiechampêtre. Denn während in ganz Frankreich sich schon die Bauernzusammenrotten, während das wirkliche, von Steuern erdrückteLandvolk mit maßloser Erregung endlich Besserung der unhaltbarenLage aufrührerisch verlangt, herrscht in diesem Potemkinschen Ku-lissendörfchen ein läppisches und lügnerisches Wohlbehagen. Amblauen Bändchen werden Schafe auf die Weide geführt, unter demvon der Hofdame getragenen Sonnenschirm schaut die Königin zu,

20 Vues et plans du Petit Trianon à Versailles( wie Anm. 5), S. 15.

21 Carott( wie Anm. 5), S. 23 ff. Carott weist auf einen Plan des Hameau ausjüngerer Zeit hin, der dies berücksichtigt und Empfehlungen für die bestenStandpunkte für Fotografen gibt.