2003, Heft 3
Der ,, Weiler der Königin" in Versailles
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landwirtschaftliche Tätigkeiten verklärt. Sehr eindrücklich in dieserHinsicht ist der Artikel über ,, agriculture“ in der berühmten Enzyklo-pädie von Diderot und d'Alembert. Die„ agriculture“ wird hier als,, Kunst, die Erde zu kultivieren“ bezeichnet, über alle anderen Künstegestellt und als eigenständige Wissenschaft legitimiert. Neben einemphilosophischen Abriss sind etwa Handlungsanweisungen zu finden,in welcher Form die Erde in jeder Jahreszeit zu bearbeiten sei.'Darüber hinaus sind auf den dazugehörenden 83 Tafeln Arbeitsgeräte,Werkstätten und Gartenanlagen abgebildet und Arbeitsvorgänge fest-gehalten.
Der Königin wie den Architekten des Hameau waren neben theo-retischen Abhandlungen auch bereits verwirklichte Anlagen wie inErmenonville und in Chantilly( beide Orte liegen in der Nähe vonParis) bekannt; letzterer gilt als unmittelbares Vorbild. Das Hameauim Schlosspark von Chantilly, 1775 eingeweiht, sollte an einen Bau-ernhof in der Normandie erinnern. 10 In Chantilly wurde mit demFachwerk und den strohgedeckten Häusern ein Baustil umgesetzt, derauch heute noch fälschlicherweise als Einheitsstil der Normandiegilt. Das Versailler Hameau sollte jedoch alle anderen übertreffen.Mit Bruchstein und Holz verwendete man in Versailles Baumateria-lien, die viele historische Häuser der Normandie kennzeichnen. Dochsind die Stilanleihen in Versailles nicht direkt zuordenbar: Es galtvielmehr, mit dem Weiler eine ländliche Szene zu evozieren, die demUniversalbild eines Bauerndorfes entsprach. 1783 wurde mit demBauen begonnen; Architekt Mique orientierte sich an den zuvor9 Diderot, Denis, Jean le Rond d'Alembert: Encyclopédie ou dictionnaire raisonnédes sciences, des arts et des métiers.( Paris 1751) Stuttgart 1966, S. 183. Vgl.auch die Bonner Ausstellung ,, Geist und Galanterie“, die das Wechselverhältnisvon Kunst und Wissenschaft des 18. Jahrhunderts untersucht: Geist und Galan-terie. Kunst und Wissenschaft des 18. Jahrhunderts aus dem Musée du PetitPalais, Paris( Ausstellungskatalog Kunst- und Ausstellungshalle Bonn). Leipzig2002.
10 Ein Zeitgenosse befand sogar, der Hameau sei zu perfekt geraten:„ Je ne luitrouve pas assez l'air d'une citation." Prince de Ligne 1781, zit. nach: de Broglie,Raoul: Le hameau et la laiterie de Chantilly. In: Gazette des Beaux Arts,Oktober – Dezember 1950, Nr. 996, S. 309–324, siehe S. 310. Vgl. auch Babe-lon, Jean- Pierre: Chantilly. Paris 1999, S. 142 ff.11,, L'image, répandue avec complaisance, d'un type de maison normande construi-te en colombage et couverte de chaume est peu exacte.“ Cuisinier, Jean( Hg.):L'architecture rurale en France. Corpus des genres, des types et des variantes. T.15: Normandie. Von Max- André Brier et Pierre Brunet. Paris 1984, siehe S. 33.