Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Brückner, Wolfgang: Moderne Trachtenforschung einer konstruktivistischen Volkskunde

  
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Moderne Trachtenforschung einer konstruktivistischen Volkskunde
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Wolfgang Brückner

ÖZV LVII/ 106

zurückgehend, um deren Einsetzen, Wandlungen und sich ver-ändernde Funktionen angemessen beurteilen zu können, was nurheißen kann, dies in übergreifenden Lebenszusammenhängen zurekonstruieren.

3. Hierzu gehört, voran ländliches Bekleidungsverhalten nicht iso-liert vom übrigen Dinggebrauch zu betrachten, weil nur dann diesoziale Zeichenfunktion eigenkultureller Entwicklungen sichtbarzu machen ist. Für städtisches Bekleidungsverhalten im Spätmit-telalter und kleinbürgerliche Ansehenskultur in der Frühen Neuzeitinteressieren sich am Beispiel von Kleiderordnungen und archiva-lisch nachvollziehbaren tatsächlichen Anschaffungen inzwischenHistoriker des ,, ethnological turns". 133 Wir wissen nun, daß dieOrdnungen nicht in erster Linie herrschaftliche Adelsprivilegieneinforderten, sondern für uns stellen sie vielmehr Indikatoren so-zialer Differenzierungen innerhalb der größer gewordenen Stadt-bevölkerung dar. Es handelt sich um ständische Formierungs-ansprüche vornehmlich der Handwerkerschaft, das heißt um Ab-grenzungsstrategien nach noch weiter unten, so daß man dies einenVerrechtlichungsversuch von Tracht- Bildungs- Tendenzen ein-zelner Gruppen nennen könnte. Für spätere Zeiten auf dem Landeläßt sich hier Konrad Köstlins Begriff der, Feudalisierung fürbäuerliche Subkulturentwicklungen seit dem 18. Jahrhundert alsgleichsam nachhinkendem Strukturprinzip einführen. 134 Auf demLande also käme es darauf an, das Distinktionsverhalten vonbesitzbäuerlichen Schichten nach dem Vorbild der CloppenburgerTotalinventarisierungen kleinräumiger Kulturlandschaften( z.B.von Möbeln) auch in anderen Regionen genauer unter die Lupemikrohistorischer Feinbeobachtungen zu nehmen. 135 Dann würde

133 Bericht über die Sektion auf dem 38. Historikertag in Bochum 1990:, Kleidungund kollektive Identität in der Ständegesellschaft. In: Brückner, Wolfgang:Gesammelte Schriften VIII. Würzburg 2000, S. 135-138; Medick: Kultur des Anse-hens( wie Anm. 102) mit ausdrücklichem Bezug auf die Annales- Schule, die keineScheu vor ,, Rock und Kamisol oder gar der Geschichte des Knopfes habe.134 Köstlin, Konrad: Feudale Identität und dogmatisierte Volkskultur. In: Zeitschriftfür Volkskunde 73( 1977), S. 216–233.

135 Ottenjann, Helmut: Das historische Möbel als Indikator kultureller Prozesse. ZurMöbelforschung in Niedersachsen. In: Volkskunde in Niedersachsen. RegionaleForschung aus kulturhistorischer Perspektive(= Kataloge und Schriften desMuseumsdorfs 11). Cloppenburg 2002, S. 83-99; ders.: Entfaltung und Endeeiner regionalgeprägten Identitätskultur des ,, Bauern- Volkes" in der Weser- Ems-Region. In: FS für Ernst Hinrichs( im Druck).