Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Brückner, Wolfgang: Moderne Trachtenforschung einer konstruktivistischen Volkskunde

  
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Moderne Trachtenforschung einer konstruktivistischen Volkskunde
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2003, Heft 3

Moderne Trachtenforschung

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Diese aus dem Ende des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhun-derts stammende Konstellation ist eine grundsätzlich andere als diesich heute entwickelnde Unterscheidung von Kostüm-, Mode- undBekleidungsmuseen, wie das z.B. in München vorexerziert wird. Diebedeutende oberschichtliche Textilabteilung des Bayerischen Natio-nalmuseums repräsentiert die Dokumentation der historischen Ent-wicklungslinien und soll auf Dauer in Schleißheim eine Ausstellungs-dependance erhalten. Die volkskundliche Trachtensammlung ist, wieschon gesagt, eingemottet worden. Die Haute Couture des 20. Jahr-hunderts besitzt ein selbständiges Modemuseum. Eine alle Bevölke-rungsschichten umfassende sozialgeschichtlich orientierte Beklei-dungsforschung versucht man mit wechselnden Ausstellungen zupublikumswirksamen Themen im Münchner Stadtmuseum zu leisten.Das ist nicht nur arbeitsteilige Museumslogistik oder Forschungs-pragmatik, sondern einerseits notwendige Differenzierung, anderer-seits jedoch Ausgrenzung mit der Gefahr neuerlicher Abschottungenbis zur abermaligen Konstruktion von separierten Ausschnitten, diesich schließlich als selbständige Totalitäten auffassen lassen oder aber,wenn sie Ortlosigkeit befällt, schlichtweg abgeschrieben werden.

Für manipulierte Bilder kultureller Vergangenheiten gibt es aberimmer noch widersinnige Beispiele von weitreichender Bewußt-seinsprägung. Im Rahmen der Jubiläumsfeiern der FranzösischenRevolution zeigte die damalige Sowjetunion 1989 in Paris aus denreichen Beständen der einstigen St. Petersburger Schlösser eine zweiJahre zuvor als kleinformatigere Pilotausstellung in Schloß Pillnitzbei Dresden erprobte große Schau aus 150 Uniformen und Hofklei-dung mit einer angeschlossenen Zugabe angeblicher Volkstrachtenvon ebenfalls malerischer Exotik Glossar ::: zum Glossareintrag  Exotik und textilem Hochglanz, anzu-schauen als seien sie alle neu geschneidert. 34 Die Aussageabsichtkonnte nur sein: hie Herrschaft- dort Beherrschte, hie internationalerStandard dort ureigenste Kreativität, beidemale also Spitzenpro-dukte von und für Mütterchen Rußland. Das Ergebnis an kulturhisto-rischer Realitätsvermittlung blieb gleich Null, doch unwiderspro-chen, weil genau diese Sicht im Bildungsbewußtsein Europas längstverfestigt und nur noch ein weiteres Mal bestätigt worden ist.

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Das wissenschaftliche Methodenproblem für eine lebensnahe Er-kundungsmöglichkeit der Unterschichtenbekleidung liegt, wie wir34 Vgl. Brückner, Wolfgang: Kleidung und Französische Revolution. In: ders.:Gesammelte Schriften VIII. Würzburg 2000, S. 143-154, hier S. 150 f.