274
Wolfgang Brückner
ÖZV LVII/ 106
Damit aber kommen wir immer wieder auf das Phänomen derselektiven Wahrnehmung von Vergangenheit zurück. Für unser spe-zielles Thema folgt daraus: Auch die ältere Trachtenforschung fuẞtezunächst im Kontext der Geisteswissenschaften, die historischeDenkmäler monumentieren, auf einem Auswahlkonstrukt von gewis-sen Bekleidungserscheinungen im Rahmen der regionalen Stammes-und Nationalitäteninterpretamente. Es handelte sich dabei entspre-chend dem Forschungsparadigma für oberschichtliche Entwick-lungen um eine Kostümgeschichtsschreibung subkultureller Ge-wohnheiten nach fiktiven Kollektivpersönlichkeiten mit sogenannt,, volkstümlicher Geistigkeit“. Darum konnte, ja mußte man in mu-sealen Präsentationen, gerade diesen optisch so auffälligen Bereichangeblich statischen gesellschaftlichen Verhaltens getrennt von denübrigen hochkulturellen Entwicklungen ausstellen und als Folge da-von deren Bild dadurch um so stärker verfestigen. In großen kultur-historischen Zusammenhängen von National- und Regionalsamm-lungen entstanden auf diese Weise Museen innerhalb von Museen,nämlich die Volkskunde als Verdoppelung der Gesamtgeschichte aufeinem anderen Niveau nochmals durchexerziert. Haus und Tracht,Möbel und Gerät, alles gemeinsam schließlich Volkskunst“ ge-heißen, wurde und wird der Stilkunst in Galerien und Nationalmuseenals gestrennte Parallelveranstaltung nicht an die Seite, sondern ge-genübergestellt und das heißt als autonomes Kulturphänomen inter-pretiert, ja bis heute zusammen mit den Ethnographica der fernenVölker als Urkunst,„, les arts premiers“, verstanden. 32 Das selbstschon durch Ausschluß entstandene oder konstruierte ,, Isolat Kunst“ 33ließ ein weiteres Konstrukt von gleicher Bauart entstehen.
"
nordwestlichen Niedersachsen. Cloppenburg 1984; ders.: Kultur- Leitbilder derbäuerlichen Oberschicht in Nordwestniedersachsen. In: Jacobeit, Wolfgang u.a.( Hg.): Idylle oder Aufbruch. Das Dorf im bürgerlichen 19. Jahrhundert. Eineuropäischer Vergleich. Berlin 1990, S. 97-111, hier S. 107 f.:,,HistorischeKleidung als Kulturindikator"; ders.: Der Silhouetteur Caspar Dilly aus Lönin-gen. Familienbilder der Landbevölkerung im westlichen Niedersachsen 1805-1841, mit einem Beitrag zu Tümpelmann- Silhouetten der Weser- Ems- Region(=Beiträge zur Geschichte des Oldenburger Münsterlandes 3). Cloppenburg 1998.32 Brückner, Wolfgang: Museale Kontinuitätskonstruktion von les Arts Premiers.In: ders.: Gesammelte Schriften XII, 1. Würzburg 2002, S. 59-80.
33 Köstlin, Konrad: Volkskunst und Volkskunde. Nachgetragene Liebe oder DieGeschichte einer Entfremdung. In: Kieler Blätter für Volkskunde 22( 1990),S. 125-140, hier S. 139.