Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Brückner, Wolfgang: Moderne Trachtenforschung einer konstruktivistischen Volkskunde

  
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Moderne Trachtenforschung einer konstruktivistischen Volkskunde
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Wolfgang Brückner

ÖZV LVII/ 106

präsentativen Stücken, wobei in Ermangelung erhaltener Kleider fürdie ältere Zeit die darstellende Kunst als bildliche Quelle dienenmußte, für die jüngere zunächst die Journale des 18. und 19. Jahrhun-derts, aber auch später noch in der Regel vor allem die Entwurfszeich-nungen der Haute Couture. Das heißt: Selbst die Modegeschichte derNeuzeit und der Moderne blieb eine Entwicklungsabfolge der Kunst-objekte Anzug oder Robe und bildete mit nichten eine Bekleidungs-geschichte der Epoche. Dies lag nicht nur daran, daß nicht nachsozialen Schichten differenziert und nur bedingt nach nationalenKulturregionen gefragt worden ist. Wegen der ästhetischen An-spruchskategorien aller Kunstwissenschaften blieben die praktischenUmsetzungen der modekünstlerischen Schöpfungen für das Beklei-dungsverhalten der breiten Bevölkerung, vor allem aber der anbieten-den Textilindustrie von untergeordneter Bedeutung. Bei der Mode-journaille geht es zu wie bislang im kunsthistorischen Seminar vielerUniversitäten, wo die Allerwelts- Kirchenausstattungen in der Pro-vinz oder auf dem platten Lande aus keiner Epoche auch nur denkbareVerhandlungsgegenstände sein konnten.

Die Frage ,, Wie waren die meisten Leute wirklich angezogen,interessiert im Grunde niemanden außer im Heimatmuseum, wenndort die noch vorhandene alte Garderobe von vor 30 bis 50 Jahrenausgestellt wird, weil sich damit Lebenserinnerungen verbinden las-sen. Doch spätestens für die Zeit nach 1860 steht reiches fotografi-sches Material zur Verfügung, um diese Frage erschöpfend zu klä-ren, 27 falls nicht nur gezielt die letzten Trachtenträger in einen ver-engten Blick kommen28 oder wenn diese gar künstlerisch monumen-tiert werden durch Spezialfotografen. 29

27 Maas, Ellen: Das Photoalbum 1858-1918. Eine Dokumentation zur Kultur- undSozialgeschichte. München 1975. Ein Beispiel für frappierende Ergebnisse inder Trachtenforschung siehe Weid, Inge: Männermoden des Ochsenfurter Gausim 19. Jahrhundert. Form- und Wertewandel. In: Jahrbuch für Volkskunde N.F.17( 1994), S. 7–34; dies.: Kleiderwandel im Ochsenfurter Gau, dargestellt an-hand zeitgenössischer Fotografien. In: Trachtenmuseum Ochsenfurt(= Bayeri-sche Museen 20). München 1994, S. 73-91; Jeurink, Jan: Die Trachten in derNiedergrafschaft Bentheim 1875-1950(= Materialien zur Volkskultur nordwest-liches Niedersachsen 10). Cloppenburg 1986[ beruht auf gezielten Befragungender 30er Jahre und entsprechender Fotosuche bei Trachtenträgern].

28 Das heißt, wenn allein die wenigen Trachtenträger sozusagen zählen. Etwasvöllig anderes stellt die genaue Beobachtung des Abgehens von Tracht dar, wiedas beispielhaft geschehen ist von Böth, Gitta: Kleidungsverhalten in hessischenTrachtendörfern. Der Wechsel von der Frauentracht zur städtischen Kleidung