Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVII/ 106, Wien 2003, 263-302
Moderne Trachtenforschung einer konstruktivistischen
Volkskunde
Wolfgang Brückner
Für Friederike Prodinger zum 90. Geburtstag
Im Zusammenhang der Kanonkritik hat seit Jahrzehnten eineErweiterung des Forschungsfeldes auf Bekleidungsge-schichte stattgefunden. Damit blieb jedoch die Frage nachdem Entstehen des neuzeitlichen Phänomens ,, Tracht" weiter-hin unbeantwortet. Erst genauere Studien zum Folklorismussowie zur Dekonstruktion bisheriger wissenschaftlicher Mei-nungen über sogenannte Volkskultur haben die Entdeckungvon Volkstrachten zu Ende des 18. Jahrhunderts plausiblergemacht. Jener„ Fund“ von Realien wurde bald zur„, Erfin-dung“ einer gesamtgesellschaftlichen Imagination. Unseremheutigen theoretischen Zugriff entspricht das methodischeVorgehen gegenwärtiger Studien, nämlich historische Phäno-menologien zu erarbeiten. Dies geschieht mit Hilfe minutiöserQuellenkritik aller erreichbaren Bildzeugnisse und dem brei-ten Spektrum schriftlicher Überlieferungen jeglicher Art. Nureine streng historisch arbeitende Kulturwissenschaft wird hierweiterhin vernünftige Antworten geben können.
Wissenschaftler haben es mit der Presse nicht leicht, weil Journalistendie Dinge gerne auf den Punkt bringen möchten, was dann oft inreiẞerischen Überschriften geschieht. So hat mir vor fast zwanzigJahren ein Kulturmagazin unserer Universitätsstadt Würzburg deneigenen Artikel über meine Ausstellung zum 19. Jahrhundert ,, Frän-kisches Volksleben. Wunschbilder und Wirklichkeit" betitelt: ,, Wiedie Industrie das Volksleben erfand", 1 und im selben Jahre 19851 Brückner, Wolfgang: Wie die Industrie das Volksleben erfand. In: Würzburgheute. Zeitschrift für Kultur und Wirtschaft 40( 1985), S. 82–87; desgl. in ders.:Gesammelte Schriften V. Würzburg 2000, S. 101-105; ders.( Hg.): FränkischesVolksleben. Wunschbilder und Wirklichkeit. Möbel, Keramik, Textil in Unter-franken 1814 bis 1914. Begleitband zur Ausstellung(= Land und Leute). Würz-burg 1985.