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Barbara Frischmuth
ÖZV LVII/ 106
was sie studieren wollten, sondern nur, was ihnen zugeteilt wurde,und das war nun einmal die randständige Volkskunde. Daher war dieVolkskunde in Debrecen das bei weitem interessanteste Institut. Auchmachten wir eine Reihe von Ausflügen in die ungarische Tiefebenesowie in die Weingebiete Ostungarns, um Gegenstände von volks-kundlicher Relevanz zu sammeln.
Einer der Assistenten von Prof. Gunda lud mich bei einer solchenGelegenheit ins Haus seiner Eltern, keinesfalls wohlhabender Bauernein, um mir zu zeigen, wie diese Menschen unter vollkommen ande-ren Bedingungen als in den Alpen, aus denen ich kam, lebten.
Das Haus war ein wenig heruntergekommen( es herrschte Bau-stoffmangel in jenen Jahren) und ich erinnere mich noch, daß esgemauert war. Was mir aber unauslöschlich im Gedächtnis blieb,waren die Ähnlichkeiten: Auf den Schlafzimmerkästen drängten sich,wie im Salzkammergut oder sonst in der Steiermark, die Marmela-den- und Einweckgläser( in den Schlafzimmern wurde damals wederdiesseits noch jenseits des Eisernen Vorhangs geheizt) und auf demdreieckigen, in die Wand eingelassenen Brett über der Sitzbank beimEẞtisch, dem ehemaligen Herrgottswinkel, stand das Radio, wie inden meisten ländlichen Wohnküchen, die ich kannte.
Natürlich ist ein Museum etwas anderes als ein wirkliches Haus,auch wenn es ursprünglich wie die wunderbare Rauchstube, die Sieanschließend in Augenschein nehmen können, aus dem wirklichenLeben stammt. Allein die Tatsache, daß sie dem täglichen Gebrauchentzogen ist und eventuelle Spuren eines Gebrauchs im Museum zuihrem Schutz und Erhalt sogleich getilgt werden würden, hebt sie aufeine andere Ebene, nämlich die der Volkskunst.
Wie die Einrichtungen in den besseren Design- Zeitschriften, dieInnenarchitekten für bestimmte Menschen entworfen haben, mei-stens so arrangiert sind, daß man gerne in ihnen wohnen möchte,jedoch das Arrangement, sobald man in ihnen wohnt, zerstört, gehörtauch jene Rauchstube zum Museumskonzept und nicht mehr in einenLebenszusammenhang.
Dennoch ist es keine rekonstruierte Rauchstube, sondern einebestimmte, die zwar in großen Teilen so aussieht, wie die meistenweststeirischen Rauchstuben zu ihrer Zeit ausgesehen haben mögen,ohne deswegen die Rauchstube schlechthin zu sein, die goldeneRauchstube sozusagen, die jede andere, ein wenig von ihr abweichen-de Rauchstube der mangelnden Echtheit zeihen dürfte.