2003, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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Eingenaues Lektorat hätte auf Widersprüche aufmerksam machen kön-nen und sollen. Die Autorin, um ein Beispiel zu nennen, kritisiert früheForschungsarbeiten zum Thema Werbung, weil davon ausgegangen wordenwar, dass Werbung ,, einen tendenziell wehrlosen Empfänger[ manipuliere]"( S. 12). Kurz vorher verkündet sie selbst: ,, Ohne uns wehren zu können, istunsere Vorstellung von Heimat geprägt.“( S. 9) Auch die Sprache sorgtmitunter für Komik. Bezogen auf eine Werbekampagne für Urlaub auf demBauernhof um 1980 kommentiert die Verfasserin: ,, Und je weitgreifenderdie Technisierung, je drückender der zivilisatorische Stress des Alltags,umso befreiender wirkt das Bergerlebnis in seiner körperlichen wie seeli-schen Komponente. Hier hackt die Fremdenverkehrswerbung ein.“( S. 98 f.)
Plakate, die als Interpretationsbeispiele herangezogen werden, das istpositiv zu vermerken, finden sich als Abbildungen im Anhang. MancheBildbeschreibung freilich hätte weniger umständlich ausfallen können, wä-ren die Abbildungen in den Text integriert worden.
Nikola Langreiter
GIRTLER, Roland: Echte Bauern. Der Zauber einer alten Kultur. Miteinem Beitrag des Vollwertbäckers Hans Gradwohl. Wien/ Köln/ Weimar,Böhlau Verlag/ Edition Böhlissimo, 2002. 265 Seiten, s/ w- Bildteil.
Kaum zu glauben, aber wahr: Es gibt ein Buch, mit dem Titel„, EchteBauern". Und dieses Buch ist nicht etwa um die Wende zum 20. Jahrhundert,nicht in der Zwischenkriegszeit und auch nicht in den Fünfzigern erschie-nen, sondern vielmehr anno 2002! Und – eh klar- ein Titel wie dieser lässtdie ethnographische community aufhorchen, denn sowohl mit Konstruktio-nen der Echtheit als forscherischem Leitgestirn als auch mit den Bauern alsGegenständen volkskundlichen Erkenntnisinteresses hat das Fach einschlä-gige Erfahrungen gemacht. Erfahrungen von so nachhaltiger Wirksamkeit,dass einige von uns schon angesichts des Titels ein( mitunter auch rituali-siertes) Unbehagen empfinden mögen. Bauern und dazu auch noch echte-dergleichen Lasten hatten wir uns doch gerade erst nach langen K( r) ämpfenentledigt...
Nun, vielleicht sollten wir in Rechnung stellen, dass Roland Girtler keinVolkskundler, sondern prominenter Wiener Fachvertreter der Soziologie istund insofern nicht per se mit unseren fachhistorischen Ballaststoffen inVerbindung gebracht werden kann. Gleichwohl darf unterstellt werden, dassder Titel nicht einfach ein Produkt kulturwissenschaftlicher Unschuld vom