220
Literatur der Volkskunde
ÖZV LVII/ 106
kolle“ der Gemeindeversammlung von Innichen, systematisch durchgear-beitet werden, um die Hintergründe vieler Entscheidungen für das Zusam-menleben in und das Funktionieren von regionalen Gemeinschaften zudurchleuchten( vgl. S. 272, 373 ff.)
Wie man sieht, sind alle vorgeführten Quellen insgesamt wichtige Zeug-nisse von Lebensverhältnissen sehr unterschiedlicher Art, die Auskunftgeben können von Vorstellungen, wie diese in Konflikten erfahren undverarbeitet wurden; erinnert sei hier etwa auch an das bekannte vorbildlicheWerk von Regina Schulte, Das Dorf im Verhör. Brandstifter, Kindsmörde-rinnen und Wilderer vor den Schranken des bürgerlichen Gerichts Oberbay-ern 1848–1910( Reinbek bei Hamburg 1989), wo ebenfalls der Blick hinterGerichtsverfahren Ursachen und Wirkungen gesellschaftlicher Differenzenaufdeckt, Ereigniswahrheit konkret und Rechtswirklichkeit erfahrbar wird.
Der vorliegende Sammelband gewährt aufgrund zahlreicher historischerBelege vielerlei Einsichtsmöglichkeiten in die Thematik Recht, Rechtspra-xis und Gerechtigkeit; letztere steht nach Meinung von Betroffenen überdem gesetzten Recht und der geübten Rechtspraxis. Das sieht man u.a. auchim aktuellen Fall des von Jägern getöteten Wilderers Pius Walder ausKalkstein in Osttirol. Hier besteht ein Konflikt zwischen dem vermeint-lichen Recht des Einzelnen und dem gesellschaftlich consensual definiertenRecht, der offiziellen Rechtsordnung; genauer gesagt wird hier eine persön-liche ,, Rechtsordnung“ verabsolutiert und die von der Öffentlichkeit zubeachtende und von ihr zu garantierende praktische Rechtsordnung negiert.Hermann Steininger
GRASS, Nikolaus: Wissenschaftsgeschichte in Lebensläufen. Hg. vonCARLEN, Louis, Hans Constantin FAUSSNER. Hildesheim, Weidmann-sche Verlagsbuchhandlung, 2001, 504 Seiten.
Nikolaus Grass( 1913–1999), korrespondierendes Mitglied des Vereins fürVolkskunde, hat nicht nur ein reiches wissenschaftliches Lebenswerk hin-terlassen. Aus seiner Feder stammen auch eine große Zahl biographischerArbeiten, die aus ganz verschiedenen Anlässen heraus verfasst wurden, alsGeburtstagsgruß, zu Jubiläen oder als Nachruf, für Lexika und Festschriftenoder, wie beispielsweise die Festrede ,, Beziehungen der Geschichtswissen-schaft wie der historischen Jurisprudenz zwischen der Steiermark undTirol", zu seiner eigenen Ehrenpromotion in Graz im Jahr 1979.
Insgesamt zählt seine Bibliographie an die hundert solcher biographi-scher Arbeiten, wovon 51 von Louis Carlen und Hans Constantin Fauẞner