2003, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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Das Abschlusskapitel ,, Krankheit und Heilung am marianischen Gnaden-ort" heißt im Untertitel ausdrücklich„ Zur therapeutischen Bedeutung dessteirischen Wallfahrtsortes Mariazell". Hier benutzt also die anerkannter-maßen der älteren Volksmedizinforschung verpflichtete Autorin die medialeBildpropaganda der Mirakelberichte in Wunderaltardarstellungen und gra-phischer Publizistik als Quellen zur Identifikation pathologischer Befunde.Die Bilder werden sozusagen medizinhistorisches Anschauungsmaterial fürKrankheitssituationen in der Vergangenheit. Wissenschaftsgeschichtlich hatdie Votivgabenforschung mit diesen Erkenntnisabsichten zunächst anhandantiker Realienfunde vor hundert Jahren begonnen. Mirakelberichte alsTexte und Sammlungen dieser literarischen Gattung haben Volkskundlerund Germanisten seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts immerwieder beschäftigt, wobei in unserer Disziplin zunächst der Quellenwert fürdie Kultstatistik im Vordergrund stand. Dann erst erfuhr die Deutung ihrerbildlichen Form, der Votive, durch Lenz Kriss- Rettenbeck die heute gültigekommunikationstheoretische Fundierung. Seitdem sind es vorrangig Histo-riker, die mit dem„, cultural" und dem ,, linguistic turn" in den Geisteswis-senschaften die Funktion des Berichtens von Mirakeln als geschichtlicheErkenntnisquelle ernst nehmen. Sie interessiert nicht so sehr die Tatsäch-lichkeit des erzählten Geschehens oder angeblich magische Gehalte alsvielmehr ihr Sinn und Zweck im Kontext, das heißt die historische Be-wusstseinsaktualität und mentale Prägung der damit verbundenen Diskurse.Vor fünfzehn Jahren hat das der soziologisch geschulte Romanist Peter- Mi-chael Spangenberg( als Doktorand von Gumbrecht und Luhmann) für alt-französische Überlieferungen versucht:„, Maria ist immer und überall. DieAlltagswelt des spätmittelalterlichen Mirakels"( Frankfurt am Main 1987). Dassei hier nur angefügt, um damit zu sagen: Die Autorin bietet uns einen durchausgewichtigen Aspekt des Phänomens, aber eben nur einen, den man darüberhinaus in Zukunft noch ausweiten müsste auf das Problem der Bildvermittlung,für die inzwischen eine moderne Kunstwissenschaft das analytische Instrumen-tarium zu entwickeln beginnt( z.B. ,, Das Bild als Autorität“).
Wolfgang Brückner
CORSO, Raffaele: La vita sessuale nelle credenze, pratiche e tradizionepopolari italiane. Edizione italiana a cura di Giovanni Battista BRONZINI(= Biblioteca di„ Lares“, Nuova Serie Vol. LIV). Firenze, Olschki, 2001,328 Seiten, 19+ 22 Abb., Glossar.
Manche Bücher haben so ihre eigene Geschichte. Ursprünglich in italie-nischer Sprache verfasst, erschien das anzuzeigende Werk erstmals im Jahr