Jahrgang 
106 (2003) / N.S. 57
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LVII/ 106

gen tintilin mit seinem roten Käppchen und ebensolchem Wams. Wer ist das?Die Erzählnummern 70 und 71 wissen nur sehr wenig über ihn. Ist er einungetauft überlebendes Kind? Keines meiner hier auf einem südsteirischenDorfe mir in meiner Handbibliothek zugänglichen Lexika, ob serbisch,bosnisch, slawo- makedonisch oder bulgarisch, kennt also bei den Orthodo-xen diesen Namen tintilin. Auch nicht mein slowenisch- deutscher ,, Slovar"von M. Pleteršnik, Ljubljana 1895 und auch nicht das slowenisch- deutscheWörterbuch des volkskundlich sehr interessierten France Tomšič, Ljubljana1958. Es ist mir in meinem hohen Alter im 91. Lebensjahre derzeit nichtmöglich, mich in Agram oder in Laibach in den Wörterbuchkanzleien derWissenschaftsakademien umzusehen. Doch wissen wir aus Maria Luggauim kärntischen Lesachtale, gegen Osttirol hin, viel von den Herzens- undGewissensnöten der traurigen Mütter im Falle von totgeborenen oder baldnach der Geburt ungetauft verstorbenen Kindern. Diese bringen die Mütterab dem frühen 16. bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts, nach Überlieferungder zahlreich vorhandenen Mirakelbücher, von weit her, zumal auch ausFriaul, zu den Serviten nach Maria Luggau. Die meist verzweifelten Mütterglaubten, daß ihre toten Kinder, wenn sie unglücklicherweise ungetauftverstorben waren, für den Augenblick der Taufe durch einen Servitenpries-ter dem diese Praxis kirchlicherseits übrigens auch damals verboten war-zum Leben erwachen und mithin für das Jenseits gerettet würden( vgl.Gugitz, G.: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch, Bd. 4: Kärntenund Steiermark. Wien 1956, S. 48-51). Hier ist im kirchlichen Schriftgutkein Name solch eines ungetauft überlebenden Kindes genannt. Für michklingt tintilin eher romanisch, vielleicht italienisch. Doch fand ich tintilinbisher nirgends, auch nicht im zweibändigen Dizionario von E. Bidoli undG. Cosciani, Turin 1957. Es könnte sein, daß die kroatische Bezeichnungtintilin in den ländlichen Dörfern um die Stadt Dubrovnik/ Ragusa eintrans- adriatisches Mundarterbe aus Italien ist.

Leopold Kretzenbacher

KORFF, Gottfried: Museumsdinge. Deponieren- exponieren. Hg. vonEBERSPÄCHER, Martina, Gudrun Marlene KÖNIG, Bernhard TSCHO-FEN. Wien/ Köln/ Weimar, Böhlau Verlag, 2002, 394 Seiten, s/ w- Abb.

,, Endlich ist es da, heißt es euphorisch in museologisch interessiertenKreisen über das Buch von, mit, über und für Gottfried Korff, denTübinger Kulturwissenschafter, der seit mehr als 25 Jahren mit seinentheoretischen Überlegungen zu Museen und Ausstellungen, aber auch sei-