Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVII/ 106, Wien 2003, 185–189
Mitteilungen
Über die Notwendigkeit einer Differenzierung städtischerWahrnehmung
Manfred Omahna
Um sich als Stadt zu präsentieren, ist es notwendig, ein unverwechselbaresBild der Stadt mitsamt ihren kulturellen Einrichtungen und innerstädtischenÄsthetisierungsmaßnahmen zu entwerfen. Im Zentrum der Aufmerksamkeitsteht die Innenstadt, die City, die als Kombination historischer Baustruktur,ästhetisierter Gestaltungselemente und Ideologie der New Economy präsen-tiert wird. In additiver Verbindung dazu stehen die Hochhäuser der globalenÖkonomie, wie beispielsweise jene in Frankfurt am Main, mit ihren Büros,Restaurants und Shopping Malls im öffentlichen Diskurs als Ausdruck fürFortschritt und Freiheit des Marktes. Das städtebauliche Angebot im Zen-trum der Stadt avanciert zum Markenzeichen und steht symbolisch für diegesamte Stadt: Die Skyline für Frankfurt am Main, der Stephansdom fürWien, die Landungsbrücken für Hamburg, das Brandenburger Tor für Berlinusw. Die kulturelle Produktion der Menschen, ihre Beziehung zu Gebäuden,ihre Strategien der Aneignung städtischer Orte und Räume, aber auch dieStrategien der Ausgrenzung werden durch das Symbol als Bild der Stadt inden Hintergrund gedrängt. Die City wird als saubere/ sichere Einkaufs- bzw.Erlebnisstadt funktionalisiert. Die je eigenen Beziehungen der Menschenzum Stadtraum erhalten somit eine Art ideologisches Faktum, die ,, uns einerein transitive Situation des Objektes einredet. Wir glauben, in einer prakti-schen Welt der Verwendung, der Funktionen und der totalen Domestikationdes Objektes zu leben, und sind in Wirklichkeit, durch die Objekte, auch ineiner Welt des Sinns, der Vernunftgründe und der Alibis: Die Funktion bringtdas Zeichen hervor, aber dieses Zeichen wird in das Schauspiel einerFunktion zurückverwandelt“.' In Anbetracht der jüngsten Ereignisse in NewYork erhält die Forderung von Marc Augé, dass wir neu lernen müssen, denRaum zu denken, ² traurige weil nicht ernst genommeneAktualität.
1 Barthes, Roland: Das semiologische Abenteuer. Frankfurt am Main 1988, S. 197.2 Vgl. Augé, Marc: Orte und Nicht- Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie derEinsamkeit. Frankfurt am Main 1994, S. 46.