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Literatur der Volkskunde
ÖZV LVII/ 106
RÖHRICH, Lutz: ,, und weil sie nicht gestorben sind...". Anthropologie,Kulturgeschichte und Deutung von Märchen. Köln, Weimar, Berlin, BöhlauVerlag, 2002, 447 Seiten, Abb.
Wer sich umfassend, seriös und tief schürfend mit dem Märchen befassenmöchte, sollte zu diesem Buch von Lutz Röhrich greifen. Es behandelt dieunterschiedlichsten Facetten des Märchens, bietet zum großen Teil überzeu-gende Deutungen und ist klar gegliedert. Der erste Teil ist überschrieben mit,, Stationen des Lebens" und handelt von der Kindheit im Märchen, vonLiebe und Eros, Heirat und Ehe, Macht und Ohnmacht der Alten, Tod undJenseitsfahrt. Im zweiten Teil werden ,, Figuren und Motive“ vorgestellt,nämlich: Das Bild der Frau, Der König und die Welt des Hofes, Tiererzäh-lungen und ihr Menschenbild, Arm und Reich, Lachen, Grausamkeit, Erlö-sung. Im dritten Teil geht es um ,, Fallbeispiele", und zwar um Schneewitt-chen, Rätselmärchen, Rumpelstilzchen, Der Vogel Gryf, Des Kaisers neueKleider, Der Froschkönig. Der vierte Teil behandelt die Forschungsge-schichte, die schwierig zu beantwortende Frage nach dem Alter des Mär-chens und die Auseinandersetzung mit psychologischen Interpretationen.
Das Buch ist, wie Röhrich in seiner Einleitung schreibt ,,, auf mehrerenEbenen zu lesen: Es ist zugleich synchron wie diachron, mentalitätsge-schichtlich wie typologisch, psychologisch wie komparatistisch“( S. 10).Greifen wir, um sein Anliegen verständlich zu machen, ein Beispiel heraus:Im Kapitel ,, Der König und die Welt des Hofes" skizziert Röhrich zunächstden Tätigkeitsbereich des Regenten: Er ist unumschränkter Alleinherrschermit absoluter Macht, die er des Öfteren missbraucht. Er lässt, wie in Dorn-röschen, alle Spindeln im Königreich verbrennen; mitunter verurteilt ereigene Angehörige, doch wie er tatsächlich regiert, worin seine realenFunktionen bestehen, darüber gibt es nur relativ vage Vorstellungen. SeineKonflikte liegen eher im familiären denn im politischen Bereich: Er istkinderlos, hat Probleme mit seiner Mutter, wenn er eine Braut aus niedererHerkunft ehelichen möchte, doch seine Hauptaufgabe besteht darin, seineTochter bzw. Töchter an den Mann zu bringen, womit er gleichzeitig einSpiegelbild patriarchalischer Verhältnisse ist. Konkrete historische Ver-hältnisse werden zwar in der Regel nur selten deutlich, doch lassen sichmitunter einige diesbezügliche Vermutungen anstellen. Wenn etwa der Kö-nig die Edlen des Reiches zu einem Turnier aufruft und dem Sieger dieTochter verspricht, erinnert das an die höfische Zeit des Mittelalters. Inähnlicher Weise kann das mittelalterliche Lehensverhältnis im Hintergrundstehen, wenn im Treuen Johannes der Vasall dem König absolut treu ergebenist und umgekehrt dieser alle Opfer bringt, wenn der Diener in Not geratenist. Doch vor allem spiegelt das Märchen die soziale Welt seiner Erzähler