Jahrgang 
106 (2003) / N.S. 57
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LVII/ 106

Loch des Vergessenwollens der Umstände und Gründe ihrer Entstehung in denersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die Moderatorin des Moderato-renvortragsblocks, Birgit Bolognese- Leuchtenmüller, rundete diesen dichtenersten Tagungsvormittag mit sozialgeschichtlichen Annotationen ab.

Die Nachmittagssektion war den Themen Geburt in Religion, Philoso-phie, Ritual und Kunst gewidmet. Mirja Kutzer, Wien, referierte über Geburtin der biblisch- christlichen Überlieferung, wobei manche Textinterpretatio-nen deren Auslegungsgeschichte vermissen ließen und dadurch teilweise alsallzu wörtlich genommen erschienen. Über Kulte um Schwangerschaft,Geburt und Stillen im Italien zur Zeit des Trecento und der Renaissanceberichtete Beate Rossié, Berlin, wobei sie sich auf die florentinischenMadonna del Parto- Darstellungen und deren Gürtelvotiv konzentrierte so-wie auf das ,, Miracolo del latte, ein sog. Milchwunder aus der Gegendzwischen Arezzo und Florenz. Neben der volksfrommen Verehrung dieserReliquien und Bilder und ihrer kunsthistorisch- ikonographisch präzisenErklärung arbeitete Rossié auch deutlich die politischen Instrumentalisie-rungen der Kulte zur Zeit ihrer Entstehung heraus. Dem heute noch inbestimmten Regionen Kroatiens lebendigen Gebrauch von Wachs votivenging Željko Dugac, Zagreb, in seinem Beitrag nach.

Während sich Wachsvotivgaben durch ihre sekundäre Verwendung alsSouvenirs in der Erinnerung auch der nicht volkskundlich geschulten Ta-gungsteilnehmer erhalten hatten, verblüffte der nächste Referent, KurtSartorius, aus Bönnigheim, Schwaben, mit der Erläuterung eines auch unterFachleuten für unsere Breiten nahezu unbekannten Phänomens: der Bestat-tung von Nachgeburten in Kellern von Häusern. Die Plazenta- in der einmit dem neugeborenen Kind verbundenes geistiges Wesen vermutet wurde,eine Art Seelenzwilling in eigens dafür gefertigten Tonurnen oder inausgehöhlten Kürbissen unter Bäumen oder im Feld zu bestatten, war inalten Kulturen nahezu überall üblich und wird bei indigenen Völkern teil-weise heute noch vollzogen. In alternativen Kreisen lebt dieser Brauch heuteauch in westlichen Ländern wieder auf. Sartorius konnte durch Kellerfundeund den chemischen Nachweis von Hämoglobin und Östrogenen in denausgegrabenen Töpfen jedoch den eindeutigen Nachweis erbringen, daßsolches Vergraben von Plazentaurnen in Deutschland während vieler Jahr-hunderte geübt wurde. In Baden- Württemberg sind heute über 60 Orte mitetwa 150 Fundstellen bekannt. Die jüngste Überlieferung von 1964 stammtaus dem Schwarzwald. Inzwischen gibt es auch Fundmeldungen aus Bayern,Rheinland- Pfalz, Thüringen, Sachsen und Sachsen- Anhalt.

Die Vorträge des kulturwissenschaftlichen ersten Blocks beschloß derReligionsphilosoph Arthur Boelderl, Linz, mit einem Beitrag über ,, dasUnbewußte und die Geschichte". Boelderl stellte die grundlegenden Theo-