Jahrgang 
106 (2003) / N.S. 57
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LVII/ 106

Wilk zufolge zu einer verstärkten Industrialisierung des Nahrungssektorsund begünstigte den Industriestandort Europa.

Den Wandel einzelner Gattungen von Fest- und Alltagsspeisen behandel-ten Ofelia Vaduva( Bukarest) für Rumänien und Tatiana Voronina( Moskau)für das postindustrielle Russland. Als Paradebeispiel lässt sich in diesemZusammenhang aber das berühmte dänische Smørrebrød anführen, das GrithLerche( Frederiksberg/ Dänemark) vorstellte. In ihrer Präsentation spanntesie den Bogen von einfach bedeckten Brotscheiben der ersten Nachkriegs-zeit zu einer geradezu unübersichtlichen Vielfalt zeitgenössischen Delika-tessenkonsums bei diesem Hauptmahl, das eine Zwischenstellung zwischenFrühstück und Mittagessen einzunehmen pflegt. Håkan Jönsson( Lund)thematisierte das seit den tiefen Einschnitten des Zweiten Weltkriegs stetsgestiegene Angebot industrieller Produkte auf dem Nahrungsmittelsektor.Gerade der dadurch entstandene Konkurrenzkampf entpuppte sich als Motoreiner ,, Verzauberung der modernen Welt, führte zur Generierung anti- in-dustrieller Erfahrungen als unternehmerische Überlebensstrategie. Der Be-richterstatter( Innsbruck) versuchte sich in der Darstellung des Einflussessoziokulturell und historisch vorgeprägter Bilder und Meinungen bei dergeschmacklichen Bewertung von Markennahrung. Österreichische Bierfir-men bieten hervorragende Beispiele für die Strategie der Verankerung imVolkstümlichen und im Lokalen, um auf dem nationalen Markt gegeninternationale Großkonzerne bestehen zu können.

Anna Burstedt( Lund) beschäftigte sich in ihrem Beitrag ,, What time dowe eat?" mit jenen Zeitdimensionen des Essens, in denen sich Konsumgleichwie Identitätsbildung ereignet. Ihre Betrachtungsweisen um den imKontext intensiver Industrialisierung entstandenen Begriff der Haus-mannskost" vermochte sie anhand schwedischer und slowenischer Beispieleaufzuzeigen. Auch Bernhard Tschofen( Wien) bediente sich des Begriffesvom ,, Hausgemachten", führte damit aber die Dialektik industrieller Nah-rungsformen vor, die zugleich verfeinert und standardisiert, internationali-siert und regionalisiert sein wollen. Konrad Köstlin( Wien) leistete einenweiteren Beitrag zur Kulturanalyse des Traditionsbegriffs, diesmal aus er-nährungsethnologischer Sicht. Tradition als klarste Absage an die Kontinui-tät des Gewohnten dient als Instrument industrieller Prozesse. KulinarischeTrendsetter wie Paul Bocuse haben den örtlichen Lebensmittelmarkt zumZentrum ihrer Bemühungen um eine neue Wertigkeit der Nahrung gemacht.Die Verwurzelung im Lokalen und die Exotisierung des Eigenen werdensomit zu Verhüllungs- und Verdrängungsstrategien der industriellen Welt.

Ein straffes Begleit- und Besichtigungsprogramm intensivierte die Aus-einandersetzung mit industriellen Prozessen. Christine Burckhardt- Seebass( Basel) als erfolgreiche Veranstalterin der wohldurchdachten Tagung hatte