Jahrgang 
106 (2003) / N.S. 57
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LVII/ 106

Folge liegt es wohl näher, die internationalen Sammlungen gegenseitigzugänglich und benutzbar zu machen. Für die institutionelle Auseinanderset-zung mit dem kulturellen Erbe im viel zitierten gemeinsamen Europa"scheint das zumindest ein sinnvoller und gangbarer Weg zu sein. Schritte indiese Richtung bedürfen allerdings auch einer stabilen Ausrüstung durchöffentliche Stellen.

Der Konferenz standen schließlich zwei volle Arbeitstage zur Verfügung.Der erste Tag war den Länderberichten gewidmet. Trotz eines dichtenProgramms wäre genügend Zeit für Diskussion gewesen. Nicht zuletztbeeinträchtigten sprachliche Barrieren eine lebhafte Debatte, da Englischoder Deutsch nicht allen Teilnehmern in ausreichendem Maße geläufig war.Die Beiträge von Nadja Maglica( Etnografski Muzej Zagreb), Slobodan-ka Lalić( Musej Republike Srpske), Marica Filipović( Zemaljski MuzejBosne i Hercegovine) und Vesna Marjanović( Etnografski Musej Beograd)beschrieben die Situation der jeweiligen Museen während des letzten Krie-ges in dieser Region. Unmittelbare Maßnahmen zur Sicherung der Samm-lungen mußten getroffen werden, wie Lalić berichtete. Marica Filipovićlegte eine ähnliche Situation in Sarajewo dar, wo die Museumsbestände inder Kriegszeit von immerhin sechs(!) Kuratoren erhalten wurden.

Allen Berichten zu Folge haben diese Krisensituationen ganz entschei-dend die weiteren Sammlungsstrategien beeinflußt. So gesellte sich inBelgrad zur Kollektion ritueller Gegenstände- darunter auch Ostereierdas sogenannte ,, bombing egg mit der zum Emblem der zivilen Verteidi-gung Belgrads gewachsenen schwarzen Zielscheibe, die mittels Schabloneauf die ungefärbte Oberfläche eines weißen Eis gemalt wurde. Man ent-schloß sich, nicht nur die historischen Sammlungen zu komplettieren, son-dern Objekte der Moderne in eigene Kollektionsbereiche aufzunehmen. Ausder Republik Srpska wurde berichtet, daß zur Zeit der großen Wanderbewe-gungen während des Krieges viele Menschen ihre schwer beweglichen Güterdem Museum überließen. Gelegentlich konnten je nach finanzieller Situati-on auch Objekte angekauft werden.

Direktor Zóltan Fejös und Gabor Wilhelm, beide Budapest, entwickeltenjeweils Denkstrukturen, die auf einer veränderten Wahrnehmungsbeziehungzwischen Mensch und Objekt basieren. Fejös hielt fest, daß sich die Er-werbsbedingungen für ein Museum in den letzten drei Jahrzehnten in Zen-tral- und Osteuropa stark gewandelt haben. Die materielle Kultur gegenwär-tiger Gesellschaften sei eine gänzlich andere geworden, überlieferte Fertig-keiten und Künste seien verschwunden, Können und gesellschaftlichesHandeln hätten einen anderen Stellenwert erfahren. Andererseits sei diegesellschaftliche Haltung gegenüber Objekten durch die musealen Tätigkei-ten des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt worden. Fejös' gedankliche Ver-