Aufsatz in einer Zeitschrift 
Erinnerungen an Leopold Schmidt
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Herbert Zeman

ÖZV LVII/ 106

gekommen. Über viele Lebensenttäuschungen hinweg hatte er sichmanchen Menschen gegenüber in eine spöttisch- ironische oder kalteDistanz begeben, eines aber hatte er sich bewahrt: die Liebe zur Kunstund die Zuneigung zu Menschen, denen Kunst viel bedeutete. Es warwohl der Ausdruck einer solchen Zuneigung, als Schmidt mir einesTages sein 1948 erschienenes Buch ,, Vor gotischen Flügelaltären"schenkte; ein Buch der Betrachtungen, das auf die künstlerischeBegabung und die geistige und seelische Tiefe dieses Menschen, dersich auch als Lyriker, Erzähler und Spielautor versucht hatte, hindeu-tete. Schmidts Geschenk war eine freundschaftliche Handreichung;es eröffnete mir die ganze seelisch- geistige Welt des Verfassers. InSchmidts Curriculum vitae lesen wir: ,, Die schönste Frucht all dieserEindrücke und Anstrengungen der Kriegsjahre und meiner Wande-rungen und Betrachtungen in ihnen ist das liebste und echteste vonmeinen Büchern geworden ,, Vor gotischen Flügelaltären. Ich wußteseit seiner Entstehung in dieser Zwischenzeit zwischen Krieg undFrieden, daß mein ganzer bisheriger Weg sinnvoll war. ³

Während unserer Gespräche erschien des öfteren behutsam unddiskret, vom Nachbarzimmer eintretend, Klaus Beitl. Nach und nachlernte ich dann Schmidts übrige Mitarbeiter kennen. Es zeigte sich,daß der Hausherr in der Laudongasse eine ausgezeichnete Hand hatte,junge Wissenschaftler um sich zu versammeln und ein kleines Impe-rium volkskundlicher Forschung aufzubauen. Die Arbeiten an denAußenstellen des Volkskundemuseums, die Forschungen im Österrei-chischen Volksliedwerk und im Zusammenhang mit dem von Schmidtbegründeten und unter der Akademie- Ägide des Literaturwissen-schaftlers Welzig wieder geschlossenen Akademie- Institut für Ge-genwartsvolkskunde förderten vieles zutage, was mir eine weitrei-chende Zusammenarbeit nahelegte.

Einerseits fühlte ich mich rasch eingebunden in den von Schmidtentscheidend mitgestalteten Aufbruch der österreichischen Volkskun-de, anderseits fand ich Partner, die meinen wissenschaftlichen Ziel-setzungen entgegenkamen. Ich hatte es immer als große Unzuläng-lichkeit empfunden, daß die deutsche und auch die spezifisch öster-reichische Literaturgeschichtsschreibung an zwei großen literari-schen Feldern vorüberzog und diese unbeachtet ließ: Das betrafeinerseits alle Texte, die der Vokalmusik dienten, und es betraf ander-seits alle Texte, die aus dem Bereich des Volksliedes, der Volkserzäh-3 Ebda., S. 101.