Aufsatz in einer Zeitschrift 
Erinnerungen an Leopold Schmidt
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2003, Heft 1

Erinnerungen an Leopold Schmidt

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nahm ein recht dickes Buch heraus und schenkte es mir: ,, Volksge-sang und Volkslied"; es war soeben in Berlin beim Erich SchmidtVerlag erschienen. Die tatkräftige damalige Inhaberin des Verlags,Ellinor Kahleyss, imponierte Schmidt gewaltig, denn sie war imGrunde aus ähnlichem Holz geschnitzt wie er und förderte seineExpedivität.

Wie er so vor mir stand mit dem kurzgeschnittenen, weißen Haar,der leicht gebeugten etwas nach vorne geneigten Haltung und denruhigen, keineswegs wendigen Bewegungen, wirkte er älter als erwar. Die Spuren eines rastlosen Gelehrtenlebens, das sich mit fort-schreitenden Jahren immer mehr geselligen Vergnügungen verschloß,waren nicht zu übersehen. Seinem Arbeitsdrang kam ich gerade recht.Die Erträge seiner Forschungen waren in Berlin zusammengefaßterschienen, jetzt reizte es ihn, die Illustration, das Material dazu inWien vorzulegen. So erschienen die ,, Historischen Volkslieder alserster Band der ,, Wiener Neudrucke" bereits 1971.2

Der erste Besuch bei Leopold Schmidt hatte Folgen. Oft pilgerteich vom Neuen Institutsgebäude hinauf zur Laudongasse, und nichtimmer gab es einen zwingenden Anlaß. Leopold Schmidt wurde fürmich in den siebziger Jahren neben dem LiteraturwissenschaftlerErich Trunz und, seit 1977, dem Sänger Anton Dermota zu einerOrientierungspersönlichkeit. Da saßen wir dann im Direktionszim-mer zusammen, und Leopold Schmidt ließ- um den geistigen Hori-zont seines Gegenübers richtig einzuschätzen- ,, Probeballons stei-gen: Die kulturpolitische Problematik der protestantischen Deutsch-Ungarn am Beispiel Karl Julius Schröers wurde einmal angespro-chen, dann kam ganz unvermittelt der Hinweis auf die Wertschätzungder Erzählkunst Julius Zerzers und noch viel weniger vermutet-der Satz, mit der Erzählung, Wunschloses Unglück" äußere PeterHandke eine menschliche Betroffenheit, die vielleicht auf gutes Zu-künftiges schließen lasse. Das waren Momente, die den künstlerisch-feinsinnigen Menschen, der sich hinter dem zurückgezogenen Wis-senschaftler verbarg, offenbarten.

Weggefährten Schmidts aus jungen Jahren, die ich später durch diewachsende Nähe zur österreichischen Volkskunde kennenlernte,sprachen davon, daß der junge Gelehrte seinerzeit gern zum Tanzaufspielte und Geselligkeit liebte. Diese Fröhlichkeit samt dem treff-lichen Geigenspiel war dem Menschen, den ich kannte, abhanden2 Vgl. dazu Schmidts Autobiographie( wie Anm. 1), S. 212.