Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LVII/ 106, Wien 2003, 37-44
Erinnerungen an Leopold Schmidt*
Herbert Zeman
Der Beitrag beleuchtet aus einer freundschaftlichen Perspek-tive die wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung LeopoldSchmidts in Beziehung auf die neuere deutsche Literaturwis-senschaft. Der Autor erzählt von den persönlichen Begegnun-gen in den Jahren 1970 bis zum Tode Schmidts und charakte-risiert in diesem Zusammenhang seine wissenschaftliche Zu-sammenarbeit mit dem ehemaligen Direktor des Österreichi-schen Museums für Volkskunde und dessen geistigen Hori-
zont.
,, Sie sollten vielleicht auch bei Leopold Schmidt vorbeischauen. Erhat nicht nur manches zu bieten, er ist überdies noch sehr expeditiv."Mein alter Lehrer Hans Rupprich gab mir diesen Rat, und ich befolgteihn. Wir schreiben das Jahr 1970, Ende des Sommersemesters. Esging um die Begründung meiner Editionsreihe ,, Wiener Neudrucke“;genau genommen um das Wiederaufleben eines Unternehmens, dasAugust Sauer gegen Ende des 19. Jahrhunderts leider nur für kurzeZeit verwirklichen konnte. Wer weiß, ob Schmidt zur neuen Reihenicht etwas beitragen könne; das war Rupprichs Überlegung; und sietraf ins Schwarze.
Der Besuch in der Laudongasse hatte Erfolg. Freundlich lächelndtrat mir der damals 58- jährige Gelehrte entgegen und lud mich, denDreißigjährigen, mit der Habilitation eifrig beschäftigten ,, Literatur-wissenschaftler auf dem Prüfstand", ein, in seinem bequemen, ein-fach und keineswegs modern eingerichteten Arbeitszimmer Platz zunehmen. Er schien sich sichtlich zu freuen: Da kam ein jungerAngehöriger jenes Instituts freundlich auf ihn zu, das ihm mancheSchwierigkeiten bereitete.
Mit Hans Rupprich gab es wohl nie Probleme. Der hatte gelernt,über den Parteien zu stehen. Aber da war der Altgermanist Otto
* Die folgenden ,, Erinnerungen“ wurden als Vortrag konzipiert; Form und Stilwurden für die Drucklegung beibehalten, die Anmerkungen hinzugefügt.