Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Brückner, Wolfgang: Leopold Schmidt und das deutschsprachige Mitteleuropa

  
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Leopold Schmidt und das deutschsprachige Mitteleuropa
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Wolfgang Brückner

ÖZV LVII/ 106

teriums die feierliche Ordensverleihung des Ehrenkreuzes für Kunstund Wissenschaft 1. Klasse an Hofrat Schmidt 1978 miterlebendurfte. Ein fast höfisches Zeremoniell in der sozialistisch regiertenRepublik für die nach strengem Proporz zur Ehrung Auserwählten:vom professoralen Chefideologen der Regierungspartei bis zumBenediktinerpater mit humanitären Verdiensten und vom Kieferor-thopäden bis zum Volkskundler lange Laudationes von hohem Pultaus durch den Sektionschef des Ministeriums. Huldvolle Vergabe derOrdenskapseln an die schwarz gewandeten Herren durch Frau Minis-terin, selbst in schwarzer langer Robe, angerauscht durch große weißeFlügeltüren mit einer Suite von Gefolge. Erheben des Auditoriumsvon den Plätzen zum Einzug dieser theresianischen Erscheinung.Kein Kameramann des Fernsehens ohne Krawatte, kein Reporterohne gedämpften Anzug, nichts von Kombinationen, Rollkragen,Cordhosen oder gar Jeans, auch bei den Leitungsschleppern nicht.Gäste, Freunde und Verwandte im Sonntagsstaat, Adademiekollegen,Ministerialbeamte.

Da erhebt sich vor dem Aufbruch zum Stehempfang der Älteste derDekorierten, Leopold Schmidt, und hält eine Dankesrede. Seitwärtsleicht ans hohe Pult gestützt, so wie er Reden ohne Manuskript zuhalten pflegte, geht er sogleich auf den Kern der Sache zu, der ihn alsKulturforscher bewegt: das Tragen von Orden. Wenn er sich seinEhrenkreuz nun wirklich anstecken wollte und damit aus dem Star-hembergpalais in die belebten Gassen der Stadt träte, würde er baldauffallen, ja ausgelacht werden, schließlich sei man nicht in Köln(...oder so ähnlich). Gut- dafür sei das Kreuz ja auch nicht gedacht;unsere gesellschaftliche Kleiderordnung bietet andere Gelegenhei-ten: den Frack. Er selbst habe zwar keinen solchen, könne sich alsWissenschaftsbeamter auch keinen passenden Anlaß dafür denken,sei also hierfür nicht dekorierbar. Ja, vor vielen Jahren, als er wegenVakanz des Direktoriats am Völkerkundemuseum dort die kommis-sarische Leitung innehatte, da sei der Negus von Abessinien aufStaatsbesuch in Wien gewesen und habe das Völkerkundemuseumbesichtigt. Er habe sich also, dem vorgeschriebenen Protokoll ent-sprechend, einen Cut ausleihen müssen zur Führung seiner Majestät.Dazu hätte er seinerzeit das Ehrenkreuz anlegen können, es aberdamals noch nicht besessen. Was bleibt zu tun, lautete die Frage.

Man wird sich leicht vorstellen können, wie es in der oben mitBedacht geschilderten Festgesellschaft unter dem Goldstuck des Saa-