Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Brückner, Wolfgang: Leopold Schmidt und das deutschsprachige Mitteleuropa

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Leopold Schmidt und das deutschsprachige Mitteleuropa
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Wolfgang Brückner

ÖZV LVII/ 106

Schmidts Theorien dabei herauskommen wird. Nun sehen wir inÖsterreich die Dinge aus der Nähe und wissen über manche Hinter-gründe Bescheid, die dem Außenstehenden manches kaum Erklärli-che leichter begreiflich machen können. Schmidt hat durch die Gunstder Lage 1945 und durch rücksichtslose Taktik in unserem Fache inÖsterreich eine Diktatorenstellung errungen, die er reichlich ge-brauchte...".

Unter den in Frankfurt Versammelten fällt eine südwestdeutscheSchwerlastigkeit auf, die wir damals wegen der vielen stimmberech-tigten Vereinsmitgliedschaften aus Württemberg die ,, Schwäbische-Alb- Mafia" nannten. Daraus ist dann später durchaus mit inhaltli-cher Frontstellung dagegen dennoch der Majoritätsanspruch ,, derTübinger geworden, so daß z.B. aus Ostberliner Sicht( der Archiva-lien sowohl wie der Lebenserinnerungen) bis auf den heutigen Tagnur die aus Tübingen- vorher wie nachher- kommenden Initiativennegativ oder positiv wahrnehmbar geworden sind. Meinungshegemo-nie nennt das die Wissenschaftsgeschichte. Jemand wie LeopoldSchmidt hat solches Denken zu keiner Zeit akzeptiert und sich daherzunächst oft selbst isoliert, andererseits die Situation des Einzelkämp-fers auf weiter Flur mit Hilfe der Stabilität seines Museums und demquasi privatisierten( sprich: vereinseigen gemachten) Forum derÖsterreichischen Zeitschrift für Volkskunde zu jener unübersehbarenInstitution des Hofrats in der Laudongasse verfestigen können. Seineschließliche Berufung in die Österreichische Akademie der Wissen-schaften aber hat er sich erschrieben durch repräsentative außeröster-reichische Publikationen. Und diese sind vornehmlich in West- Berlinerschienen. Wie aber kam es trotz der ,, Frankfurter Verdammungs-synode" in unmittelbarem Anschluß an diese dazu?

Es war Mathilde Hain, die Frankfurter Instituts- Chefin, die nichtauf die Nachwehen der Wiener Mythologenschule bei LeopoldSchmidt setzte, sondern auf seine literarische Quellenkenntnis derLied- und Schauspielstudien und sein modernes funktionalistischesTheoriekonzept von den überlieferten Ordnungen in unreflektiertenTraditionszusammenhängen, ausgedehnt auf die gesamte Breite derkulturellen Objektivationen in Geschichte und Gegenwart, also vonder mittelalterlichen Hofkultur bis zur Wiener Stadtethnographie.Mathilde Hain schrieb damals die methodische Einleitung für dieerste handbuchmäßige Zusammenfassung der westdeutschen Nach-kriegsvolkskunde in Wolfgang Stammlers ,, Aufriß der deutschen