Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Brückner, Wolfgang: Leopold Schmidt und das deutschsprachige Mitteleuropa

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Leopold Schmidt und das deutschsprachige Mitteleuropa
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Wolfgang Brückner

ÖZV LVII/ 106

dem gescheiterten Versuch des habsburgischen Reichsverwesers undVolkskundeförderers Erzherzog Johann, dem Preußenkönig die Kai-serkrone des Paulskirchen- Parlaments anzutragen. Der spätere ersteLehrstuhlinhaber für neuere deutsche Literaturwissenschaft in BerlinWilhelm Scherer zwischen 1877 und 1886 versicherte 1869 als Wie-ner Privatdozent gegenüber dem berühmten Preußenhistoriker Hein-rich v. Treitschke ,, mit Leidenschaft", wie dieser notierte: ,, Nur alsköniglich preußische Provinzstadt könne Wien noch einmal ein an-ständiger Ort werden. Das war drei Jahre nach Königgrätz oderSadowa gesprochen, welche Entscheidungsschlacht zwischen groß-deutscher und kleindeutscher Staatenbildung in Mitteleuropa aufHistorikerseite heute in einer soeben erschienenen Studie von HeddaGramley über ,, Propheten des deutschen Nationalismus wie folgtkommentiert wird von Professoren der Theologie, der Geschichte undder Nationalökonomie, wörtlich durch einen dieser preußisch- prote-stantischen Theologen zwischen 1848 und 1880: ,, Auf dem Schlacht-felde von Königgrätz hat nicht nur der österreichische Staat, sonderndas ultramontan- jesuitische System eine schwere Niederlage erlitten...Preußen ist und bleibt auf dem europäischen Continent die Burg desprotestantischen Geistes", so daß Thomas Mann 1945 die bekannteFormulierung prägen konnte vom ,, protestantischen Deutschen Reichpreußischer Nation. Die bildungsbürgerlichen Meinungsführer warenakademische Geisteswissenschaftler, darum auch in Österreich unterden Volkskundlern überproportional von Protestanten repräsentiert.

Auf den agnostisch sozialisierten Leopold Schmidt trifft das nichtzu, und so kannte er keine Tabus gegenüber religiösen Phänomenen( wie bei uns bis zum heutigen Tage) und war in der Wiener Zunftneben seiner kleinbürgerlichen Herkunft doppelt stigmatisiert durchein erstes Unterkommen beim deutschen Emigranten Rudolf Kriss indessen ethnographisch orientierter Sammlung Religiöser Volkskundein kirchlichen Ausstellungsräumen. Das bald folgen sollende Experi-ment ,, preußische Provinzstadt" hat für Wien von 1938 bis 1945gedauert und Leopold Schmidt fast nur fern der Heimat im Kriegeerlebt. Dann wurde Berlin 45 Jahre lang gezweiteilt in die Frontstadtder drei Westalliierten und in das Bollwerk des Sozialismus vonMoskaus Gnaden hinter einer Todesmauer. Aus Österreich ging Ri-chard Beitl, wenn auch spät, an die neue Freie Universtität nachBerlin- West und noch später der eine Generation jüngere HelmutFielhauer zumindest als Gast nach Berlin- Ost. Und Leopold Schmidt?