Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Brückner, Wolfgang: Leopold Schmidt und das deutschsprachige Mitteleuropa

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Leopold Schmidt und das deutschsprachige Mitteleuropa
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LVII/ 106, Wien 2003, 23-36

Leopold Schmidt und das deutschsprachige Mitteleuropa

Wolfgang Brückner

Die wissenschaftliche Wirkungsgeschichte der Persönlichkeitund des umfangreichen Werkes von Leopold Schmidt( 1912-1981) innerhalb des deutschsprachigen Mitteleuropas reichtbis 1938 zurück, ist aber seit 1947 unübersehbar gewordenund hat sich spätestens seit 1953 zur kritischen Präsenz in derdeutschen Volkskunde bis an sein frühes Lebensende ent-wickelt. Dabei bot ihm die viermal im Jahr erscheinende ÖZVeine Diskursbühne. Der Druck seiner Handbücher und Auf-satzsammlungen aber bildete das breite Fundament seinesAnsehens. Er repräsentierte in der Wahrnehmung und Wert-schätzung außerhalb Österreichs bei aller wechselseitigenDistanzierungen während des 68er Booms in Deutschland dieVerkörperung der österreichischen Volkskunde seiner Gene-ration. Der wissenschaftliche Standard seines diszipliniertenArbeitens hat in unserem Fach nicht mehr unterschreitbareMaßstäbe gesetzt.

,, Westdeutschland im ursprünglichen Titel allein zu benennen, daswar falsch von mir, da ich ständig von Berlin reden muß, wo LeopoldSchmidts ,, Wiener Volkskunde 1942 als Habilitationsschrift ange-nommen worden ist, während er sich als Schreibstubengefreiter derLuftwaffenfunker im Krieg in Rußland befand und sein PromotorAdolf Spamer krank und auf der Flucht nach Dresden, weil ihm vonder Geheimen Staatspolizei( Gestapo) der Vorwurf des Umgangs mit,, berüchtigten" Personen wie J. M. Ritz und Leopold Schmidt ge-macht wurde. Nicht erst für damals darf man fragen: welches Berlin?Das der Friedrich- Wilhelm- Universität, an der Richard Beitl, gleichfallsim Felde, aber schon seit 1933 als Privatdozent lehrte, oder das desHeinrich Himmler, von dessen SS- Ahnenerbe Richard Wolfram, OttoHöfler und Eberhard Kranzmayer ihre Direktiven erhielten, oder das desAmtes Rosenberg, an dem der aus Österreich imigrierte Karl Haidingschon lange vor dem ,, Anschluß in Berlin hauptamtlich tätig war?

Der Drang nach Berlin lag germanistisch geschulten Deutschöster-reichern seit der 48er- Revolution des 19. Jahrhunderts im Blut nach