2003, Heft 1 Leopold Schmidt und die Lösung des Gordischen Knotens
2)
Unter den skizzierten Umständen scheint der Optimismus, mit demLeopold Schmidt seine 1951 veröffentlichte ,, Geschichte der öster-reichischen Volkskunde“ beendet hat, wenig Berechtigung gehabt zuhaben. Es war in weiterer Entwicklung des Faches wohl nicht allesim Sinne jener ,, neuen Sachlichkeit“, mit der die Volkskunde nachseiner Vorstellung künftig ,, das kulturelle Antlitz Österreichs ent-scheidend mitbestimmen" 30 hätte sollen. Und die ,, wahrhaftig, neuenUfer dieser Volkskunde, die waren, wie gesagt, schon auf reinpersoneller Ebene kaum in Sicht.
So sind auch die Vorbehalte nur verständlich, die Leopold Schmidtgegenüber so manchen volkskundlichen Projekten in den 50er und60er Jahren gehegt hat, beispielsweise gegen die Herausgabe eines,, Österreichischen Volkskundeatlasses", dessen Proponenten ErnstBurgstaller, Adolf Helbok, Arthur Haberlandt, Karl Ilg und RichardWolfram gewesen sind. Seiner erstmaligen Erwähnung bzw. An-kündigung im achten Jahrgang( 1954) der„ Österreichischen Zeit-schrift für Volkskunde“ ist denn auch wohl nicht zufällig die gleich-sam neutralisierende Mitteilung über ein im Entstehen begriffenes,, Archiv der österreichischen Volkskunde“ gegenübergestellt wor-den. Und wie gern in solchen Fällen hat Schmidt damals ebensolapidar wie dezidiert der Öffentlichkeit ,, eine klare Trennung derbeiden Unternehmungen“ empfohlen, und zugleich ,, deren Verschie-denheit[...] deutlich genug zum Ausdruck gebracht“.32
Mit seinem ,, Archiv der österreichischen Volkskunde" knüpfteSchmidt an frühere Überlegungen hinsichtlich eines ,, Österreichi-schen Volkskundewerkes“ an. Dieses sollte in Verbindung mit denMaterialbeständen der österreichischen Landesstellen des ,, Atlas derdeutschen Volkskunde“ und den Materialien der in reichsdeutscherZeit betriebenen ,, Bauernhausaufnahmen" als ,, Bundesamt für Volks-kunde[...] die gesamte Sammelarbeit und Bewahrung der Archivstof-fe zu organisieren unternehmen" 33. Leopold Schmidt hatte ja schonUrbanität im Diskurs- ein Superlativ der Normalität? In: Zeitschrift für Volks-kunde 91, 1995, S. 202–222, S. 214.
30 Schmidt, Leopold: Geschichte der österreichischen Volkskunde(= Buchreihe derÖsterreichischen Zeitschrift für Volkskunde. N.S./Bd. 2). Wien 1951, S. 155.
31 Ebda.
32 Schmidt, Leopold: Archiv der österreichischen Volkskunde. In: ÖsterreichischeZeitschrift für Volkskunde 8/57, 1954, S. 72.