Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Nikitsch, Herbert: Leopold Schmidt und die Lösung des Gordischen Knotens

  
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Leopold Schmidt und die Lösung des Gordischen Knotens
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Herbert Nikitsch

ÖZV LVII/ 106

nalpräsentation( und-konstruktion) genannt sei. Daß in diesem,, Hausbuch wie andere seinesgleichen übrigens für das Bild derVolkskunde in der Öffentlichkeit von nicht zu überschätzender Be-deutung die Beiträge etwa über ,, Volk und Tracht der einzelnenBundesländer von einem habilitierten Volkskundler, nämlich vonHanns Koren, verfaßt worden sind, mag ein weiteres Beispiel für diestaatspolitische Funktionalisierung des volkskundlichen Kanons ab-geben.

Kurz und in summa: Die Volkskunde jener Tage gehorchte überweite Strecken der kulturpolitischen Verfassung der ,, langen fünfzi-ger Jahre Österreichs25, die allgemein bis weit über die Mitte der 60erJahre hinaus das Land geprägt und zu jener generellen Provinzialisie-rung des Kulturbetriebes geführt haben, die von späterer Geschichts-schreibung als Folge des facettenreichen Prozesses einer Re- Austri-fizierung im Sinne einer ,, restitutio in integrum nach dem desaströ-sen Intermezzo des Nationalsozialismus beschrieben worden ist.26Und in der Volkskunde selbst hat dieses Klima wohl nicht nur ge-herrscht, weil mit Auslaufen der offiziellen Entnazifizierung27 seineehedem diskreditierten Fachvertreter auch ex lege rehabilitiert undseit Mitte der 50er Jahre verstärkt auf die fachinterne Bühne zurück-geholten worden sind das ist ja, aufgrund des allgemeinen öffentli-chen Konsenses, daß auf die personellen Ressourcen jener ,, Belas-teten" nicht verzichtet werden könne28, in sämtlichen Disziplinenpraktiziert worden. Es mag auch bezeichnend für eine Disziplingewesen sein, die ihre Legitimation, ihre gesellschaftliche Anerken-nung und ihre akademische Etablierung weitgehend ihrem konsoli-dierenden Beitrag zu dem verdankte, was einmal treffend als ,, natio-nale Begriffsvertrautheiten" 29 bezeichnet worden ist.

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25 Hanisch, Ernst: Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsge-schichte im 20. Jahrhundert. Wien 1994, S. 426.

26 Sieder, Reinhard, Heinz Steinert, Emmerich Tálos: Wirtschaft, Gesellschaft undPolitik in der Zweiten Republik. In: Sieder, Reinhard, Heinz Steinert, EmmerichTálos( Hg.): Österreich 1945-1995. Gesellschaft Politik Kultur(= Österreichi-sche Texte zur Gesellschaftskritik, Band 60). Wien 1995, S. 9-32, S. 16 f.27 Meissl, Sebastian, Klaus- Dieter Mulley, Oliver Rathkolb( Hg.): VerdrängteSchuld, verfehlte Sühne. Entnazifizierung in Österreich 1945-1955. Symposiondes Instituts für Wissenschaft und Kunst Wien, März 1985. Wien 1986.28 Botz, Gerhard, Albert Müller: Differenz/ Identität in Österreich. Zur Gesell-schafts-, Politik- und Kulturgeschichte vor und nach 1945. In: ÖsterreichischeZeitschrift für Geschichtswissenschaften 6, 1995, S. 7-40, S. 33 f.

29 Johler, Reinhard, Bernhard Tschofen: Brücke, Bergwerk, Berefarii. Wiener