Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Nikitsch, Herbert: Leopold Schmidt und die Lösung des Gordischen Knotens

  
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Leopold Schmidt und die Lösung des Gordischen Knotens
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Herbert Nikitsch

ÖZV LVII/ 106

Nach 1945 wieder war es für das ideologisch angeschlagene Fachvon elementarem Interesse, bei der Neubegründung der Zeitschriftjene ,, österreichische Haltung in den Vordergrund zu stellen, dieSchmidt in seiner Vorrede zum ersten Heft der neuen Serie anno 1947programmatisch hervorgehoben hat und der er bereits in seinen erstenMuseumsaktivitäten nachgekommen war. So hat er im März bzw. Ok-tober 1946 im Museum in der Laudongasse, über dessen Neuorgani-sation er bereits im Dezember 1945 eine Denkschrift vorgelegt hat-te¹, die ersten Sonderausstellungen¹ organisiert und zwar als Bei-trag zur Aktion ,, 950 Jahre Österreich", deren vielfältige Feierlich-keiten, laut damaligem Beschluß des Ministerrats, die Tatsache illu-strieren sollten ,,, daß Österreich nie ein Anhängsel des DeutschenReiches, sondern ein selbständiges Gebilde mit größter Lebenskraft[ ist]". 18 Gefragt war in diesen Tagen also eine national- integrativwirkende Volkskunde, eine Volkskunde, die in sozusagen antifödera-listischer Konzeption einer über regionalen Blickwinkel hinaus-gehenden gesamt- ,, österreichischen Identitätsproduktion dienensollte.

Bei der Inszenierung dieser nationalen Um- und Neudefinitionkonnte die Volkskunde allerdings inhaltlich insofern an Vertrautesanknüpfen, als bei der Propagierung des neuen Nationalklischees16,, Denkschrift über die Neuorganisation des Museums für Volkskunde in Wien",datiert mit 8.12.1945; darin werden unter anderem folgende Vorschläge gemacht:,, 1) Das Museum ist vollkommen zu verstaatlichen.[...] 2) Der Verein, dem allebedeutenden Volkskundler Österreichs angehören,[ müßte] bei der Verstaat-lichung des Museums nur weiterbestehen, um die anderen Aufgaben der öster-reichischen Volkskunde zu lösen, die noch nicht von Hochschulen oder Ämternbewältigt werden können. Für das Volkskundemuseum würde er also in Zukunftwie der Verein der Freunde des Naturhistorischen Museums etwa für dieseswirken. Weiterhin würde er die Herausgabe der Wiener Zeitschrift für Volkskun-de und ihrer Schriftenreihe beibehalten bzw. neu aufnehmen, für die volkskund-liche Vortragstätigkeit in verstärktem Maß als bisher in Wien sorgen, usw."Archiv des Vereins für Volkskunde, Karton 30.

17 Über ,, Volksschauspiel in Österreich und, Österreichische Trachten in derVolkskunst und im Bilde".

18 Gutkas, Karl: Die Feiern ,, 950 Jahre Österreich im Jahre 1946. In: Feigl,Helmuth( Red.): Festgabe des Vereins für Landeskunde von Niederösterreichzum Ostarrîchi- Millennium. 2. Teil(= Jahrbuch für Landeskunde von Nieder-Österreich N.F. 62/2). Wien 1996, S. 665-686, S. 667.

19 Johler, Reinhard: Nationalistisch, national und regional die österreichischeVolkskultur. In: Deutsch, Walter u.a.( Hg.): Sommerakademie Volkskultur 1993.Wien 1994, S. 62-70, hier S. 66 f.