Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Nikitsch, Herbert: Leopold Schmidt und die Lösung des Gordischen Knotens

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Leopold Schmidt und die Lösung des Gordischen Knotens
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2003, Heft 1

Leopold Schmidt und die Lösung des Gordischen Knotens

einer der wenigen Garanten einer universitären volkskundlichen Aus-bildung gewesen; und er hat schließlich und nicht zuletzt im Jahr 1947die ,, Wiener Zeitschrift für Volkskunde, die 1944 hatte eingestelltwerden müssen, wieder herausgebracht, nunmehr als, Österreichi-sche Zeitschrift für Volkskunde" ein neuer Titel, der, so wenigmodifiziert er auf den ersten Blick auch scheint, doch jene ,, Gesamt-wandlung des Faches ¹³ signalisiert, von der Schmidt in seiner Vor-bemerkung zum ersten Heft der neuen Serie gesprochen hat.

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Tatsächlich spiegelt sich ja in diesem Titel wie in der Programmatikder neuerstandenen Zeitschrift exemplarisch die Modifikation des,, Österreichischen", des Österreichbegriffs, im Laufe der zeitpoliti-schen Ereignisse. Vor 1918 hatte dieser Begriff- ohne irgend sprach-lich- nationale Konnotation die habsburgische Doppelmonarchiemit all ihrer ethnischen Vielfalt bezeichnet und so der hiesigen Volks-kunde und damit der 1895 von Michael Haberlandt begründeten,, Zeitschrift für österreichische Volkskunde" in staatserhaltender In-tention ,, die vergleichende Erforschung und Darstellung dieser,, bunte( n) Fülle von Völkerstämmen und also ,, ein tieferes Entwick-lungsprincip als das der Nationalität[...] zur Richtschnur gegeben( um ein bekanntes Diktum Haberlandts zu zitieren) 14.

Eben dieses nationale Prinzip aber wurde nach dem Zusammen-bruch Österreich- Ungarns zum Movens all der nunmehr kleinräumigausgerichteten Erkundungen regionaler Volkskultur, wie sie die Bei-träge der ,, Wiener Zeitschrift für Volkskunde dokumentieren- wo-bei die Funktionalisierung einer in regionaler Randlage gefundenenAgrarkultur im ökonomisch hart bedrängten Restösterreich mit sei-nem- ungeachtet aller offiziellen, ab 1934 oktroyierten ,, Österreich-Ideologie" 15 grassierenden Anschlußgedanken vor allem in diedeutsch- nationale Richtung gegangen ist.

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Wolfgang: Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften. In: ÖsterreichischeZeitschrift für Volkskunde 53/102, 1999, S. 457-497, bes. S. 475 ff.

13 N.N.( Schmidt, Leopold): Zum ersten Band der Neuen Serie. In: ÖsterreichischeZeitschrift für Volkskunde 1/50, 1947, S. 5-7, S. 7.

14 Haberlandt, Michael: Zum Beginn! In: Zeitschrift für österreichische Volkskunde1, 1895, S. 1-3, S. 1.

15 Staudinger, Anton: Zur ,, Österreich"-Ideologie des Ständestaates. In: Das Juliab-kommen von 1936. Vorgeschichte, Hintergründe und Folgen. Protokoll desSymposiums in Wien am 10. und 11. Juni 1976(= Veröffentlichungen derWissenschaftlichen Kommission zur Erforschung der österreichischen Ge-schichte der Jahre 1927 bis 1938). Wien 1977, S. 198–240.