Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Nikitsch, Herbert: Leopold Schmidt und die Lösung des Gordischen Knotens

  
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Leopold Schmidt und die Lösung des Gordischen Knotens
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Herbert Nikitsch

ÖZV LVII/ 106

sein wirken und seine Rolle in der Nachkriegszeit, in den erstenJahren der Zweiten Republik angesprochen sind; jene Jahre also, indenen Schmidt wesentlich dazu beigetragen hat, die hiesige Volks-kunde wieder zu etablieren- und zwar in praktisch allen Bereichen:von der( Neu) Formulierung eines sog. ,, Paradigmas im Sinne einesfachspezifischen Theorie- und Forschungsprogramms bis zur Schaf-fung der institutionellen und publizistischen Infrastruktur für einenkontinuierlichen Lehr- und Forschungsbetrieb.

Im Jahr 1945 stand ja die Volkskunde auch in Österreich vor derNotwendigkeit, sich als wissenschaftliche Disziplin neu zu etablie-ren, ja zu konstituieren: Der Forschungsimperativ der letzten siebenJahre war ideologisch ebenso kompromittiert wie jene, die ihm ge-horcht hatten; und die universitären und außeruniversitären Institu-tionen des Faches, von denen nicht wenige erst in der NS- Zeitgegründet worden waren, lagen ebenso darnieder wie sein Publika-tionswesen. In dieser Situation hat Leopold Schmidt nicht nur seinebekannte ,, erlösende"" und jedenfalls für die Reputation des Fachesso zweckdienliche Definition der Volkskunde geprägt¹²; er ist auch9 Wenn auch, nebenbei, bereits in den ersten Heften der ab 1953 wieder herausge-gebenen( deutschen) ,, Zeitschrift für Volkskunde nicht wenige Beiträge ausÖsterreich aufgenommen worden sind- und zwar zunächst von Viktor Geramb,Richard Wolfram, Anton Dörrer, Karl Ilg, Raimund Zoder, Ernst Burgstaller,Rudolf Kriss oder Karl von Spieß-, und Leopold Schmidt hier erst im Jahrgang1956/57 mit einem Aufsatz vertreten ist( Schmidt, Leopold: Masken aus demMoselgebiet. In: Zeitschrift für Volkskunde 53, 1956/1957, S. 249–259).10 Schmidt, Leopold: Volkskunde in Österreich 1945-47. In: SchweizerischesArchiv für Volkskunde 44, 1947, S. 164–169.

11 Koren, Hanns: Geleitwort. In: Beitl, Klaus( Hg.): Volkskunde. Fakten undAnalysen. Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag(= Sonderschriftendes Vereines für Volkskunde in Wien, 2). Wien 1972, S. 1-5, hier S. 1.12 Als der ich zitiere vollständig- ,, Wissenschaft vom Leben in überliefertenOrdnungen. Sie arbeitet die Bedeutung des statischen Momentes im Kulturge-schehen heraus, wogegen die Geschichte die dynamischen Anteile darzustellenberufen ist. Schmidt, Leopold: Die Volkskunde als Geisteswissenschaft. In:Mitteilungen der Österreichischen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologieund Prähistorie, LXXIII- LXXVII. Band, 1.- 3. Heft, 1947, S. 115–137, S. 119.Wenn Schmidt auch diese ,, neue Form der volkskundlichen Betrachtungsweise"im zitierten Beitrag selbst wie auch in seinen einschlägigen Untersuchungenveranschaulicht, konkretisiert und wohl auch erweitert hat, ist diese Formelseinerzeit und später- und das auch und gerade von zustimmenden Rezipienten-doch eher als Freibrief zu herkömmlicher Kontinuitätsforschung denn als Beitragzu einem kulturwissenschaftlichen ,, Ordnungsdiskurs" genommen worden; zurEhrenrettung dieser Definition und zur Kritik an ihrer Kritik siehe Brückner,