Literatur der Volkskunde
Christian Marchetti: Balkanexpedition.
Die Kriegserfahrung der österreichischen Volkskunde- einehistorisch- ethnographische Erkundung(= Untersuchungen desLudwig- Uhland- Institutes der Universität Tübingen, Bd. 112).Tübingen 2013, 456 Seiten, sw. Abb.
Mitten im Ersten Weltkrieg, im Frühjahr 1916, brachen sechs jungeWissenschafter von Wien aus zur» Kunsthistorisch- Archäologisch-Ethnographisch- Linguistischen Balkanexpedition« auf. Die kurz sogenannte» Balkanexpedition«< führte ihre Teilnehmer- unter ihnen auchder junge Wiener Volkskundler Arthur Haberlandt über Sarajevo/
-
Bosnien und Herzegowina auf den Balkan bzw. ins tatsächlich bereisteund beforschte Gebiet, nämlich Montenegro, das nördliche Albanien,das heutige Kosovo und Teile Serbiens. Diese Expedition bildet fürden Tübinger Kulturwissenschafter Christian Marchetti in seinemBuch jenen» Handlungszusammenhang, in dem sich die verschiedenenDimensionen dieser Untersuchung verknoten« und der das komplexeFeld» zwischen Wissenschaft als sozialer und kultureller Praxis, Kriegals spezifischem Handlungs- und Erfahrungsraum und einem geogra-phisch und historisch als Grenzraum« beschriebenen Gebiet ausmisst( S. 11). Das Buch gliedert sich in elf Kapitel und teilt sich grob in zweiBlöcke: Zunächst widmet sich Marchetti historischen und auch begriff-lichen Hinleitungen, die sich mit der Vorgeschichte, den strukturellenwie institutionellen Voraussetzungen der Expedition innerhalb desösterreich- ungarischen Wissenschafts- und Verwaltungsgeflechts sowiemit dem zeitgenössischen wie aktuellen Balkandiskurs beschäftigen.Im zweiten Teil behandelt Marchetti konkret die Expedition und ihrenVerlauf, um sich dann in den» ethnographischen« Kapiteln einzelnenThemenfeldern im Umkreis der Expedition zuzuwenden. Die metho-dische Herangehensweise seiner Forschung beschreibt er bereits imTitel des Buches als» historisch- ethnographische Erkundung«, die einebreite Kontextualisierung der in die Expedition involvierten administ-rativen, militärischen wie wissenschaftlichen Institutionen, Strukturenund Akteure( und sehr gelegentlich auch Akteurinnen) bedeutet. Diesekamen aus Vereinigungen und Institutionen wie etwa der Wiener Anth-ropologischen Gesellschaft und ihrer Ethnographischen Kommission,aus dem Denkmalschutz, dem Hofmuseum und aus mehr oder minder
321