Jahrgang 
117 (2014) / N.S. 68
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298 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXVIII/ 117, 2014, Heft 3+ 4

Und ach, Europa!

Ein weiteres Leitmotiv der Tagung nahm die politische Rolle Europasim Kontext des aktuellen Kulturdiskurses zum Gegenstand. Siegfried J.Schmidts Beitrag weist die Rede über» europäische Kultur« als paranati-onalistisches>> Wirklichkeitsmodell« aus, das zur Hintergrundfolie ideo-logisch angeleiteten Handelns geworden sei.» Europäische Kultur«<, dieEuropa als» Wertegemeinschaft«< heraufbeschwöre, diene als Kitt einerwirtschaftlichen und politischen Raumkonstruktion und durchziehe alssolches sowohl die Beitrittsdebatten der im Süden und Osten gelegenenLänder als auch die Positionierungen in den Konfliktsituationen derpostsozialistischen kriegerischen Auseinandersetzungen( Iman Attia).Mit Bezug auf die aktuelle Ost- West- Konfrontation in der Ukrainefragt Chris Hann, wie sich denn eine, sich als» Europäische Ethnologie<<bezeichnende Wissenschaft zu der aktuellen, mit europäischer Kulturargumentierenden Kriegsideologie stellt? Hier steht, wie wir wissen,die längst fällige kritische Diskussion des Europabegriff's in der Fachbe-zeichnung einer empirischen Kulturwissenschaft an.

Ein Fazit?

Auf der Innsbrucker Tagung wurde Kultur als biegsamer Stoff sozialerRepräsentationen besprochen. Mit der ideologiekritischen, machtana-lytischen( im Grunde strukturalistischen) Semiotik oder mit der Feu-erzange der reflexiven marxistischen Kulturanalyse angefasst mag derKulturbegriff weiterhin brauchbar sein. Als KulturwissenschaftlerInnenwissen wir, dass Kultur als Gegenstand der wissenschaftlichen Deutungseit langem problematisch ist. Kultur hingegen als heuristisches undmethodologisches Instrument einer komplexitätsorientierten Gegen-wartsanalyse globaler Zusammenhänge hat keineswegs ausgedient, vor-ausgesetzt Ulf Hannerz unterstreicht dies- der Begriff bleibt stets einauszudifferenzierender, der der Bewegung und Beweglichkeit der sozi-alen Verhältnisse und Erscheinungen, mit denen wir es zu tun haben,Rechnung trägt. Wenn VolkskundlerInnen, wie es Sabine Eggmannunlängst auf den Punkt brachte( ihr Wort in Gottes Ohr),» forschen,dann disziplinieren sie das Konzept zu einer[...] Relationierungsmatrix,die die Kraft hat, die Komplexität sozialer Zusammenhänge kritisch zu