Chronik der Volkskunde
( Einladung zur) Kulturdebatte
» Es könnte kaum widersprüchlicher zugehen: Kultur gleicht einemBetriebssystem, auf dem alle widerstreitenden Programme der Gesell-schaft laufen; zugleich ist dieses Grundlegende dem Kommerz, der esvoraussetzt, um den Preis abgemietet, diesem als etwas gefügig zu sein,das abwechselnd Vergnügen zu bereiten oder Würde vorzutäuschen hat.«Wolfgang Fritz Haug
Das Unbehagen an der Kultur
Tagungsberichte sind eine schwierige Textsorte. Sie suggerieren, dass esso gewesen ist, obgleich ihr/ e Verfasser/ in durch den Filter einer sub-jektiven Aufmerksamkeit zuhört, die sowohl Ausblendungen als auchFokussierungen steuert. Gegenstand und Darstellung im Folgenden sinddaher streitbar. Ihr Anliegen ist ein Zweifaches: Zum einen möchten sieauf eine beeindruckende Tagung hinweisen und zum anderen auf dieErkenntnisgewinne einer anhaltenden Debatte um den Begriff der Kul-tur, zu der hiermit von der Österreichischen Zeitschrift für Volkskundeeingeladen wird.
Unter dem Titel» Das Unbehagen an der Kultur« fand vom 22. bis25. September 2014 an der Universität Innsbruck eine bestens organi-sierte Tagung statt, die im Rahmen des Forschungsschwerpunkts» Kul-turelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte« auf die Initiative von IngoSchneider( Europäische Ethnologie) und Martin Sexl( Komparatistik)ausgerichtet wurde.» Das Unbehagen an der Kultur«< ist ein mehrdeuti-ger Titel, der auf die Freudsche Kulturanalyse Bezug nimmt, neugierigmacht, kontroverse Perspektiven zulässt und daher bestens geeignet ist,sich an die Vielstimmigkeit und Schwierigkeit des Kulturbegriffs her-anzuwagen, der programmatisch für die epistemischen Anfänge vielergeisteswissenschaftlicher Disziplinen steht.
Die Innsbrucker Tagung versammelte herausragende Persönlich-keiten der europäisch- westlichen Kulturdiskussion, die einmal laut undeinmal leise, einmal im Plauderton und einmal strukturiert analytischesPotenzial, Kritik und Diskurs von Kultur und Kulturbegriff bespra-chen. Miteinander diskutiert haben KulturwissenschaftlerInnen, die es
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