Jahrgang 
117 (2014) / N.S. 68
Seite
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neuerDings

Heilwasserflaschen und ihre Mehrwegnutzung im 18. JahrhundertEine> Zeitzeugin< in Wien erzählt aus ihrer bewegten Vergangenheit

Als der Heilwasserversand im 16. Jahrhundert als neuer Wirtschaftszweigentstand, war dies nur möglich durch eine geeignete Verpackung. Durch-setzen konnten sich Flaschen aus Steinzeug, was wiederum für das kera-mikerzeugende Gewerbe eine neue Erwerbsmöglichkeit schuf. Wäh-rend die Steinzeugflaschen für die deutschen Wässer gestreckt eiförmigwaren und einen Henkel sowie meist einen Korkverschluss hatten( Abb.1), entwickelte sich deren Form und Verschluss für den Versand desböhmischen Heilwassers vollkommen anders. Diese Heilwasserflaschenbesaßen eine Vierkantform und es waren Zinngießer, die an der Mün-dung einen Zinnschraubverschluss anbrachten( Abb. 2). In der Regelgab es zwei verschiedene Flaschengrößen: ganze bzw. große zu neun biszehn Seidel( 26 bis 29 cm hoch) und halbe bzw. kleine( ca. 23 cm hoch).'

Diese Flaschen kamen erstmals für den Wasserversand des in derNähe von Eger( Cheb) in Böhmen gelegenen Egerer Sauerbrunnens zumEinsatz. Das Wasser des Egerer Sauerbrunnens war auch das erste Ver-sandheilwasser Böhmens. Unbekannt ist jedoch bis heute der Zeitpunkt,an dem der Versand in Vierkantflaschen begann. Die Möglichkeit dazuhätte es bereits im 16. Jahrhundert gegeben, gesichert ist der Versand fürdas erste Viertel des 17. Jahrhunderts und dies europaweit.²

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Messungen bei vier großen Flaschen ergaben Inhalte von 2,3/ 2,6/ 2,8 und 3,0 Liter;eine kleine Flasche hielt 1,3 Liter. Tschechisches Nationalarchiv, Prag/ NárodníArchiv, Praha( NAP), Ceske Gubernium- Publicum( CG- P), Karton 1731, Faszi-kel 93/410/1790, Bericht vom 4.10.1789. Der Bericht enthält lediglich den Begriff>> Seidel<< als Inhaltsangabe. Zwar war mit Patent vom 30. Juli 1764 die Einführungder österreichischen Maße und Gewichte in den Erbländern befohlen worden, imKleinhandel waren nebenher aber auch das böhmische Maß und Gewicht erlaubt( Dominik Kostetzky: System der politischen Gesetzte Böhmens. 1. Teil. Prag 1816,S. 216). Die Höhenangaben sind das Ergebnis von Messungen an 26 ganzen/ gro-Ben Flaschen sowie einer halben/ kleinen Flasche.

Patrick Schlarb: Medizinflaschen aus Steinzeug für den böhmischen Heilwasser-handel im 18. und 19. Jahrhundert. In: Keramos. Zeitschrift der Gesellschaft derKeramikfreunde Düsseldorf 215, 2012, S. 33-54, hier S. 38-49.

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