Aufsatz in einer Zeitschrift 
Jenseits des Alarmismus : Lampedusa und die Notwendigkeit eingreifender Wissenschaft
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224 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXVIII/ 117, 2014, Heft 3+ 4

Denn tatsächlich

und das ist sicherlich einer der Hauptgründefür die Skepsis vieler WissenschafterInnen, sich aktiv im öffentlichenGeschehen zu positionieren ist die Liste des im Namen wissenschaft-licher Autorität begangenen Missbrauchs lang. Gerade die Geschichteunseres Faches in Österreich und Deutschland im 20. Jahrhundert, derEuropäischen Ethnologie, die aus der Volkskunde entstanden ist, zeigtuns hier, wie schmal der Grad zwischen Forschung, Verführung, Naivi-tät, Anbiederung und Täterschaft ist.

Der kollektive Intellektuelle als Zusammenschluss sach- und fach-kundiger spezifischer Intellektueller im foucaultschen Sinne kann seinDenken und Handeln selbst bestimmen, kann sich also jene Autonomieerhalten, die sich die Wissenschaft über Jahrhunderte von den Herr-schenden erkämpfen musste.39 Kurz gesagt also geht es darum, verkürz-ten Autoritätsargumenten die Autorität wissenschaftlicher Rigorositätentgegenzusetzen- nicht mehr und nicht weniger.

Im Sinne postkolonialer Kritik ist spätestens an dieser Stelle dieFrage zu stellen, ob diese Art des Eingreifens der Wissenschaft in gesell-schaftliche Herrschafts- und Unterdrückungsprozesse( die sich im Falleder Illegalisierten in ihrer Unsichtbarmachung manifestiert), nicht dochwieder ein Sprechen über und für die Unterdrückten ist, das damit aberletztendlich doch wieder den AkteurInnen die eigene Handlungsmachtabspricht.

Ich plädiere dafür, die Öffentlichkeit, die der Wissenschaft gewährtwird, zu nutzen, um die AkteurInnen, die Subalternen, wie die postko-loniale Kritik sie in Anlehnung an Gramsci bezeichnet4º, darin zu unter-stützen, ihre eigene Stimme hörbar zu machen. Autonom und emanzi-piert auch emanzipiert von uns und unseren Kommunikations- undArgumentationskanälen. Wir wissen, dass das leichter gesagt ist alsgetan und befinden uns darüber in intensiver interdisziplinärer Ausein-andersetzung. So lange sie aber zum Schweigen gebracht werden, arbei-ten wir daran, die Phänomene von Slums mitten in Europa, den Hunger

39

Ebd. Die Abschaffung des Wissenschaftsministeriums durch die aktuelle Bundesre-gierung und die Subsumierung seiner Aufgaben im Wirtschaftsressort ist in diesemSinne ein durch und durch besorgniserregender Schritt, dessen Rücknahme wir alsAcademia weiterhin fordern sollten.

40 Gayatri Chakravorty Spivak: Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subal-terne Artikulation. Wien 2008.