204 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVIII/ 117, 2014, Heft 3+ 4
Weithin bekannt ist ein weiteres Foto, von dem wir allerdingssicher sein dürfen, dass es auf Lampedusa aufgenommen wurde. Es sindHunderte in einem Flughafenhangar aufgereihte Särge, vor denen dieBürgermeisterin der Insel, Giusi Nicolini, EU- KommissionspräsidentJosé Manuel Barroso und Italiens Ministerpräsident Enrico Letta ste-hen. Das Foto entstand wenige Tage nach der medial sehr präsentenKatastrophe vom 3. Oktober 2013 mit 400 Toten, die unmittelbar vorder Küste der Insel ertranken.
Abbildung 1 und 2 sind auch Bilder aus Lampedusa. Es sind die Bil-der, die die lampedusani, die Einwohner Lampedusas, lieber nach außentragen. Ein Felsen von karger Schönheit, immer sonnenverwöhnt undmit spektakulärem Meerblick rundum, der im Sommer von tausendenTouristen und Touristinnen vor allem aus den italienischen Ballungsräu-men besucht wird, die die afrikanische Sonne genießen wollen.
Das Luftbild der Insel aus dem Flugzeug( Abb. 3) steht als Sinn-bild dafür, einen Schritt zurück zu treten, als Sinnbild für das Oszillierenzwischen Nähe und Distanz, zwischen Empathie und Analyse, das dieethnographische Arbeit erfordert.
Denn tatsächlich ist Lampedusa schon lange zu einem Etikett gewor-den: Das, was in Lampedusa fotografiert werden kann, entspricht näm-lich eben nicht den Erwartungen- volle Boote, Flüchtlingselend überall
bzw. es widerspricht ihnen sogar in den meisten Fällen. Die Fotosvon den Flüchtlingsbooten stehen aber für Lampedusa, oder umgekehrt:Lampedusa steht für das, was an den Außengrenzen der EuropäischenUnion passiert. Dabei gerät unmittelbar und bleibend in Vergessenheit,dass die Situation an den Außengrenzen politisch und medial erzeugt ist.
Denn erst Anfang der 1990er Jahre begannen, zunächst sehr spo-radisch, die ersten Bootslandungen in Lampedusa. Diese Landungenerfolgten spontan, meistens mit wenigen Menschen an Bord der Boote.Damals gab es keinerlei Infrastruktur, um die MigrantInnen erstzuver-sorgen oder unterzubringen. Die Einwohner Lampedusas taten das, waswahrscheinlich jede andere Inselbevölkerung auch getan hätte: Diejeni-gen, die sie an der Küste auffanden, boten den Schiffbrüchigen Hilfe an,nahmen die Menschen mit zu sich nach Hause, gaben ihnen zu essen,trockene Kleider und ein Bett und brachten sie am nächsten Tag zurlokalen Carabinieri- Station, weil es außer der Amtsstube keine Infra-struktur gab, um diesem Phänomen zu begegnen. In den 1990er Jahrennahm als Konsequenz des Inkrafttretens des Schengener Abkommens