Jenseits des Alarmismus.
Lampedusa und die Notwendigkeiteingreifender Wissenschaft¹
Gilles Reckinger
Der andauernde humanitäre Notstand der Bootsflüchtlinge wird in der medialenAufmerksamkeitsökonomie- als Katastrophe kommuniziert. Die Maßnahmen im Namendes Flüchtlingsschutzes verschleiern die Verstärkung der Grenzsicherung. Doch bleibendie Perspektiven der Betroffenen und die Auswirkungen der Politiken auf die Realitätenvor Ort ausgeblendet- eine Aufgabe für eingreifende Wissenschaft.
Lampedusa, das europäische Grenzregime und die Ökonomie
Der Name Lampedusa ruft seit einigen Jahren bei den meisten Euro-päern und Europäerinnen unmittelbar Bilder wach. Es sind Bilder vonkaum seetüchtigen, wackligen Kähnen, Schlauchbooten oder ausrangier-ten Fischerbooten, vollbesetzt mit Menschen mit meist dunkler Haut-farbe, die zusammengekauert einem besseren Leben entgegenfahrenund allzu oft ihr Ziel nicht erreichen.² Diese Medienfotos bebildernoft sehr deutlich die Tragik der Überfahrt der BootsmigrantInnen vonAfrika nach Europa über das Mittelmeer.
Dabei ist festzuhalten, dass viele dieser medialen Bilder, gar nicht ausLampedusa kommen. Ein bekanntes Foto zeigt etwa ein Flüchtlingsbootauf dem Weg zur Weihnachtsinsel in Australien. Bei anderen Bildernhandelt es sich um Fotos von Presseagenturen, die immer wieder gezeigtzitiert werden, so dass es leicht ist, uns in die Irre führen zu lassen.Wir können diesen Bilder nicht trauen.
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Beim vorliegenden Text handelt es sich um das nur geringfügig angepassteVortragsmanuskript meiner Antrittsvorlesung vom 16.1.2014 an der UniversitätInnsbruck.
Aus urheberrechtlichen Gründen können nicht alle Fotos der Bildschirmpräsenta-tion, die beim Vortrag gezeigt wurden, hier wiedergegeben werden.