Literatur der Volkskunde
immer mehr transnationale Kräfte eindrangen: NGOs, Geschäftsbe-ziehungen, Umweltfragen, KSZE Schlussakte von 1975, atomare Kata-strophen wie Tschernobyl 1986. Rüstung und Militarisierung werdenzu wenig behandelt. Dass McNamara( er wird nur einmal in anderemZusammenhang erwähnt) die exzessive atomare Rüstung später alsSackgasse bezeichnet hat, wird ebenso wenig thematisiert wie die auchfür Politiker bewegende Warnung der Wissenschaftlerkonferenz vonErice in Sizilien vor dem» atomaren Winter<<.
Das 21. Jahrhundert beginnt angesichts der Terrorakte 2001 mitwenig Zuversicht. Huntington steht gegen Kofi Annan im» Dialog derKulturen«<: Die Vokabel ist nicht auszurotten, obwohl sie zu Essentia-lisierung verführt und es eigentlich – mit allen Kontingenzen immernur unterschiedlich kulturell, religiös, historisch geprägte Individuensind, die auf( die Art der Kommunikation beeinflussenden) verschiede-nen Ebenen miteinander in Kontakt treten.» Allzu simple Vorstellungenvom Konflikt und der Unvereinbarkeit von Kulturen, Religionen oderEthnien<< müssen überwunden werden.» Was man brauchte, war eineSichtweise, die Welt und Menschheit als divergierend und vereint, lokalund global zugleich betrachtete.«( Iriye S. 806)
Dieter Kramer
Gilles Reckinger: Lampedusa.
Begenungen am Rande Europas
Wuppertal: Peter Hammer Verlag 2013, 228 Seiten, zahlreiche Abb.
» Es gibt in der Tat drei parallele Inseln: die der Migration und die derTouristen, und dazwischen leben die Einheimischen«( S. 185). Lam-pedusa, Italiens südlichste Insel, knapp 140 km vor der tunesischenKüste und auf vielen Italienkarten nicht eingezeichnet, ist der europä-ischen Öffentlichkeit vor allem aus Medienberichten bekannt. Schlag-lichtartig fällt der Blick der Medien auf sie vor allem dann, wenn großehumanitäre Katastrophen passieren. Bilder von überfüllten oder sin-kenden Booten und hunderten halb verhungerten und verdurstetenSchiffbrüchigen haben sich in das kollektive Bewusstsein Europas ein-
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