Aufsatz in einer Zeitschrift 
Handschrift und Tagebuch : Bemerkungen zum auto-(bio)graphischen Erinnern
Einzelbild herunterladen
 

Herbert Nikitsch, Handschrift und Tagebuch

Vertrauten des alltäglichen Trotts«) kaum vom» Notizbuch«(» diesemvorläufigen Behältnis inspirierter Zufälligkeit«< ³4), ab.

Bei Betrachtung solcher Art des Notierens, bei der»> die Ich- Form inihrer jeweiligen Tages- Form<< 35 vor allem durch den» Akt des Aufzeich-nens selber, gleichsam als Nullpunkt von Text« ³ in Erscheinung« tritt,kann es dann aber nicht mehr um die Rekonstruktion von Bedeutungenoder um textgenetische Interpretationen gehen, die» anhand von über-lieferten Schreibspuren den schriftlichen Entstehungsprozeß« zu rekon-struieren suchen.37 Es kann da nur mehr» um die Schrift selbst«< 38 gehen

und darum, Handschrift gewissermaßen als Methode zu nehmen,um sich jenen>> Zwischenräumen« im( wieder) lesenden Nachvollzug zunähern und im autographischen Duktus den Reflex einer Stimmung,einer psychischen Verfassung oder Gemütslage auszumachen. Und derautographische Eintrag wäre dann als Vermittlungsinstanz sui generiszu sehen, in dem bei späterer Betrachtung die jeweilige Situation, in derdieser Schriftzug dem Papier eingegraben wurde, besser und gewisser-maßen tiefenschärfer erinnert werden kann. Eine solche Notiz könntejene» Authentizität«< des Erinnerns 39 vermitteln eben nicht durch

die be- schreibende Darstellung einer bestimmten Verfassung, einerbestimmten Situation, sondern indem sie die Erinnerung an diese jeweilskonkrete Verfassung oder Situation durch das materielle Residuum derschreibenden Hand transportiert.40

34

35

36

33

Diese Unterscheidung bei Taussig 2011( wie Anm. 21), S. 20.

Christiane Holm: Montag Ich. Dienstag Ich. Mittwoch Ich. Versuch einer Phäno-menologie des Diaristischen. In: Gold u.a. 2008( wie Anm. 17), S. 10-50,hier S. 10.

Wolfram Groddeck: Textgenese und Schriftverlauf. Editionstheoretische Über-legungen zum Manuskript von Nietzsches Dithyramben- Entwurf» Die Wetter-wolke«. In: Sandro Zanetti( Hg.): Schreiben als Kulturtechnik. Grundlagentexte.Berlin 2012, S. 214-236, hier S. 215.

37 Wobei es dem hier angesprochenen interpretativ- editorischem Vorgehen der>> Critique Génétique« um den Entstehungsprozess vor allem literarischer Werkegeht; Almuth Grésillon: Critique Génétique. In: Wilhelm Hemecker( Hg.):Handschrift. Wien 1999, S. 115-124, hier S. 115.

38

Groddeck 2012( wie Anm. 36) S. 215.

39 Assmann 2001( wie Anm. 26), S. 116.

40

Einige optische Beispiele für die hier angedeutete Kongruenz von Erlebnisinhaltund handschriftlicher Form bei Nikitsch 2014( wie Anm. 14).

113