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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVIII/ 117, 2014, Heft 1+ 2
aber doch nach wie vor unmittelbarster Ausdruck des Wunsches nachRekapitulation von persönlich Erfahrenem und Erlebtem ist. EinesWunsches freilich, den zu befriedigen nicht immer leicht ist. Es gibtdafür prominente Zeugen: Eindrücklich hat sich etwa Roland Barthesmit dem Tagebuch( schreiben) beschäftigt, und das als jemand, der» nieTagebuch geführt- oder vielmehr nie gewußt[ hat], ob ich eines führensollte; manchmal fange ich an und höre dann sehr rasch wieder auf- undfange später jedoch von neuem an. Es ist ein leichtes, intermittierendesVerlangen ohne Ernst und ohne doktrinäre Festigkeit. Ich glaube diese> Krankheit des Tagebuchs diagnostizieren zu können: ein unauflösli-cher Zweifel am Wert des darin Festgehaltenen«.18
Mit dieser Bemerkung- wenngleich sie eine gewisse Reserve gegen-über dem>> Notieren« als einer der Erinnerung» werten« Aufzeichnung,als einem im weiteren Sinn» epistemischen Verfahren«< 19 signalisierthat Barthes auch angesprochen, was gewöhnlich als die Hauptfunktiondes Tagebuches 20 bezeichnet wird: dass es» durch das Medium äußererBeobachtungen und mitgehörter Bemerkungen den Kontakt zwischendem aktuellen Selbst und seinen Vorgängern aufrecht hält«< 21, dass es
18 Roland Barthes: Erwägung[ 1979]. In: Ders.: Das Rauschen der Sprache.( KritischeEssays, IV). Aus dem Französischen von Dieter Hornig. Frankfurt am Main 2006,S. 390-405, hier S. 390.
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19 Christoph Hoffmann: Schreiben um zu lesen. Listen, Klammern und Striche inErnst Machs Notizbücher. In: Davide Giuriato, Martin Stingelin, Sandro Zanetti( Hg.):>> Schreiben heißt: sich selber lesen«<. Schreibszenen als Selbstlektüren(= Zur Genealogie des Schreibens, 9). München 2008, S. 199-215, hier S. 199.Zum Tagebuch siehe neben der im Folgenden genannten Literatur etwa RüdigerGörner: Das Tagebuch. Eine Einführung. Zürich 1986; Arno Dusini: Tagebuch.Möglichkeiten einer Gattung. München 2005; Remi Hess: Die Praxis des Tage-buchs. Beobachtungen- Dokumentation- Reflexion. Herausgegeben, übersetztund eingeleitet von Gabriele Weigand. Münster u.a. 2009; Martin Scheutz, HaraldTersch: Selbstzeugnisse der Frühen Neuzeit. Der lange Weg der schriftlichenSelbstvergewisserung. In: Peter Eigner, Christa Hämmerle, Günter Müller( Hg.):Briefe Tagebücher- Autobiographien. Studien und Quellen für den Unterricht(= Konzepte und Kontroversen, 4). Innsbruck, Wien, Bozen 2006, S. 10–27;Helmut Ottenjann, Günter Wiegelmann( Hg.): Alte Tagebücher und Anschreibe-bücher. Quellen zum Alltag der ländlichen Bevölkerung in Nordwesteuropa(= Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, 33). Münster 1982.Michael Taussig: Fieldwork Notebooks/ Feldforschungsnotizbücher(= 100Notes 100 Thoughts/ 100 Notizen – 100 Gedanken, N° 001, documenta 13).Ostfildern 2011, S. 22.
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