Jens Wietschorke, Neun Sterne für Warschau: Das Generalgouvernement im Baedeker
Kriegsinvaliden und Angehörigen gefallener Soldaten oder von Kindernund Jugendlichen der» Kinderlandverschickung« frequentiert; in anderenFällen wurden sie als Zwangsarbeiterquartiere genutzt.32 Für die tatsäch-lich Reisenden des Jahres 1943 waren drei Viertel der Reiseinformatio-nen also ohne Belang. Was sollten sie auch anfangen mit den Hinweisenauf Barockschlösser und Kurparks, Wanderwege und bemerkenswerteIkonen- Sammlungen? Dass die angegebenen Routen ganz nach demgediegenen Muster der bürgerlichen Bildungs- und Erholungsreise zuge-schnitten sind, hat im Kontext der Kriegsereignisse 1943 nur eine greif-bare Funktion: die symbolische Inbesitznahme eines neuen Reichstra-banten und die öffentliche Inszenierung des verbrecherischen Zugriffs alsziviles Kulturprogramm. Diese Inszenierung vertraut auf ein traditions-reiches Medium und seine Überzeugungskraft; unter dem Geleitschutzder bürgerlich- humanistischen Bildungsidee wird so eine Landnahmegerechtfertigt, deren Folgen nur an einigen wenigen Stellen dissonanthereinklingen etwa, wenn mitgeteilt wird, die 1423 gegründete StadtGarwolin im Distrikt Warschau sei früher durch ihr gutes Bier bekanntgewesen, 1939 aber bis auf wenige Häuser zerstört worden.33
Zu den etablierten Konventionen des Mediums gehört die Vergabevon Sternen an besondere Orte und Sehenswürdigkeiten. Neun dieserSterne erhält in Baedekers Generalgouvernement die polnische Haupt-stadt Warschau. Unter den ausgezeichneten Plätzen befindet sich nichtetwa das Königliche Schloss, sondern vielmehr der Adolf- Hitler- Platz,das Palais Brühl, das Deutsche Haus oder die» echt deutsche rechteckigePlatzanlage<< des Alten Marktes. 34 Das Sternesystem lenkt hier nicht nurden Blick und bekräftigt die Topographie des» deutschen Ostens«<, son-dern es nobilitiert gleichsam den Raub von Kulturgütern durch derenAuszeichnung als nationales Erbe. Der Baedeker- Stern wird hier zurKennmarke für den kulturellen Hegemonieanspruch des DeutschenReichs. Nicht zuletzt an diesem Beispiel wird deutlich, dass der Bae-deker kein neutrales und unschuldiges Medium ist. Denn Reisehand-bücher organisieren stets den Zugriff auf Raum nach eigenen, selekti-ven Kriterien. Sie legen ihre Ordnung der Dinge wie ein Netz über das
32 Vgl. Rüdiger Hachtmann: Tourismus- Geschichte. Göttingen 2007, S. 137–138.Baedekers Generalgouvernement( wie Anm. 2), S. 109.
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34 Vgl. ebd., S. 85-99.
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