Aufsatz in einer Zeitschrift 
Neun Sterne für Warschau : das Generalgouvernement im Baedeker
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Jens Wietschorke, Neun Sterne für Warschau: Das Generalgouvernement im Baedeker

ein kolonisierendes Medium, das die militärische Landnahme symbo-lisch wiederholt und bekräftigt. Er offeriert dem deutschen Touristeneine wohlorganisierte Bildungslandschaft und liefert so den zynischenSubtext zu den verbrecherischen Programmen von» Generalplan Ost<<und» Unternehmen Barbarossa«. Das Reisehandbuch wird so zur wei-chen Version eines geopolitischen Dossiers, das die normative Gewaltseiner Zu- und Einschreibungen verschleiert, weil es eine alltäglicheWahrnehmungsebene anspricht und an die Ferienreisen der Vorkriegs-zeit erinnert.

Von besonderer Bedeutung ist, wie im Buch der geopolitische undder ästhetische Blick auf die Landschaft zusammengeführt werden. Denbeschriebenen schönen Gegenden, den Panoramablicken und einladen-den Gärten steht eine Landschaft zur Seite, die nach durchgreifenderGestaltung durch deutsche Raumplanung verlangt. Denn» das Wesendes polnischen Menschen prägte sich trotz der germanischen Vor- undFrühgeschichte und einer fast ununterbrochenen deutschen Kulturtätig-keit in die Züge der Landschaft ein, so daß uns hier vieles eher östlichals mitteleuropäisch anmutet«<. 1<.16 Der» Kulturforscher späterer Zeiten«<wird, so der Landeskundler Ernst Fugmann in seinem einleitenden Bae-deker- Beitrag,» feststellen können, daß erst mit der deutschen Inbesitz-nahme dieses Raumes dessen kulturelle Angliederung an den deutsch-mitteleuropäischen Lebensraum vollendet wurde«.17 Der Geist, deraus Baedekers Generalgouvernement spricht, ist denn auch ein Geist dergrenzenlosen technischen Machbarkeit neuer Landschaften. Der verant-wortliche Redakteur Oskar Steinheil hatte bereits den 1938 erschienenenAutoführer Deutsches Reich konzipiert und dort das Moment der tech-nischen Raumerschließung und Raumordnung zum narrativen Prin-zip eines Reisehandbuchs erhoben. Folgte Steinheil in seinem frühenAutoführer den» blassgrauen Bändern« der Reichsautobahn, 18so hattendie NS- Raumpioniere mit dem Generalgouvernement nun ein Gebietvor sich, in das die Schneisen des modernen Verkehrs erst noch zu schla-

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Baedekers Generalgouvernement( wie Anm. 2), S. XXI.Ebd.

18 Vgl. dazu Erhard Schütz: Faszination der blaßgrauen Bänder. Zur» organischen«Technik der Reichsautobahn. In: Wolfgang Emmerich, Carl Wege( Hg.): DerTechnikdiskurs in der Hitler- Stalin- Ära. Stuttgart 1995, S. 123–145; Ders., EckhardGruber: Mythos Reichsautobahn. Bau und Inszenierung der» Straßen des Führers<<1933-1941. Berlin 1996.

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