Aufsatz in einer Zeitschrift 
Neun Sterne für Warschau : das Generalgouvernement im Baedeker
Einzelbild herunterladen
 

98 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXVIII/ 117, 2014, Heft 1+ 2

Auf der anderen Seite finden wir dann die vorgetäuschte Heimatwärmeder alten deutschen Bürgerhäuser, der Renaissancefassaden, Decken-malereien und geschnitzten Orgelprospekte- Versatzstücke deutscherKultur als Belege für den angeblichen» deutschen Kulturboden« imGeneralgouvernement. Hier ist kaum ein großer polnischer Künst-ler zu schade, um in seiner Bedeutung herabgesetzt oder verschwiegenzu werden; umgekehrt ist kein Landstrich zu schade für die Nennungdeutscher Duodezbaumeister, drittklassiger Kirchenmaler und Stucka-teure, die ansonsten kaum Eingang in eine ernsthafte kunsthistorischeLandesbeschreibung gefunden hätten. Wo indessen beim besten Wil-len keine Anknüpfungspunkte für deutsche Geschichte und Kultur zurVerfügung standen, paradiert das Handbuch mit deutschen Institutio-nen und Behörden wie um die Geschichtsmächtigkeit des national-sozialistischen Verwaltungsapparats zu beweisen. So pendelt der Blickzwischen den Schätzen deutscher Vergangenheit und der Effizienz deut-scher Gegenwart, zwischen Veit Stoß und Hans Frank, Rokoko undReichsbahn.

wie vor-

In seiner wunderbaren Studie Im Raume lesen wir die Zeit hat KarlSchlögel darauf aufmerksam gemacht, was gerade der praktische Teilhistorischer Baedeker- Ausgaben über die Standards und Routinen aus-sagt, auf denen die lokale gesellschaftliche Ordnung in einem bestimm-ten Gebiet beruhte. 15 Erst recht gilt das für ein prekäres Gebilde wie dasGeneralgouvernement, in dem die Ordnung erst im Aufbau befindlichwar: Orts- und Zeitangaben, Entfernungsziffern und Preise liefertendas Koordinatensystem, innerhalb dessen sich die Reisendenübergehend auch immer einrichten konnten. Detailinformationen zuZugverbindungen, Zollbestimmungen, Unterkunftsmöglichkeiten undSprachschwierigkeiten, aber auch zu Verhaltenskodizes definierten unddokumentierten die spezifischen Spielregeln im besetzten Gebiet, gültignur eine Saison lang, um danach wieder abgelöst zu werden vom neuenStand der Dinge, vom neuen Stand der Herrschaft über Menschen undRessourcen. All diese Informationen konstruieren und repräsentiereneinen kontrollierten und beherrschten Raum, der auf den rund 260Seiten so selbstverständlich daherkommt wie der Reichsbahn- Fahrplanzwischen Königsberg und Soldau. Eben darin erweist sich der Band als

15

Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte undGeopolitik. München, Wien 2003. S. 371–378.